Gott & Glauben

Warum wir Pfingsten heute nicht mehr als „Geburtstag der Kirche“ bezeichnen sollten

Im Allgemeinen gilt Pfingsten als „Geburtstag der Kirche“. Allerdings denken heutzutage die meisten beim Stichwort „Kirche“ entweder an ein Gebäude oder an eine Institution – und das ist mit Pfingsten gerade nicht gemeint. Um die Bedeutung des Fests zu erklären, sollte man deshalb andere Bilder finden.

Antje Schrupp ist Chefredakteurin des EFO-Magazin
Antje Schrupp ist Chefredakteurin des EFO-Magazin

In der christlichen Dogmatik gilt Pfingsten auch als „Geburtstag der Kirche“. Gemeint ist damit, dass mit der „Begeisterung“ der Jüngerinnen und Jünger, die sie an diesem Tag erlebten, und ihrer vom „Heiligen Geist“ inspirierten Fähigkeit, sich anderen verständlich zu machen quasi der Startschuss dafür gegeben wurde, dass sich das Christentum in aller Welt ausbreiten konnte.

Allerdings ist die Bezeichnung „Geburtstag der Kirche“ etwas unglücklich gewählt. Denn heute, zweitausend Jahre später, sehen die meisten Menschen bei dem Wort „Kirche“ wohl etwas anderes vor ihrem inneren Auge als eine Glaubensbewegung.

Heute denkt man bei dem Begriff „Kirche“ zunächst einmal an eine Institution mit festen Regularien und Hierarchien. Oder sogar nur an ein Gebäude. „Die Kirche“ ist im Alltagsverständnis der meisten eine große Organisation, in der viel Geld verwaltet wird, deren Interessensvertreter:innen für ihre Anliegen Lobbyarbeit machen, und wo Macht ausgeübt wird.

Das Feuer des Heiligen Geistes, der ja bekanntlich „weht, wo er will“, ist dort nicht öfter anzutreffen als anderswo. Vermutlich ist das einer der Gründe, warum Pfingsten nicht so wirklich ein populäres Fest ist. Viele fragen sich: Gibt es denn beim „Geburtstag der Kirche“ überhaupt etwas zu feiern? Oder ist mit der Institutionalisierung des Glaubens nicht auch viel von dem Charisma der frühen Christinnen und Christen verloren gegangen?

Sicher, eine Religion, eine Glaubensüberzeugung, die schon seit so langer Zeit Bestand hat und die so viele Menschen umfasst wie das Christentum, braucht eine gewisse Institutionalisierung. Die Kirche hat auch als feste Organisation ihren Sinn. Ob man ihr aber eines der höchsten christlichen Feste widmen muss, ist doch fraglich.

Die Formulierung „Geburtstag der Kirche“ ist ja kein Glaubensdogma, sondern nur der Versuch, die Bedeutung von Pfingsten griffig auf den Punkt zu bringen. „Fest der Geistesgegenwart Gottes“ wäre vielleicht eine bessere Formel.


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Antje Schrupp 169 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

6 Kommentare

22. Mai 2021 19:03 Lutz Felbick

Ich danke Ihnen für diesen Kommentar. In einem Buch des radikalen Frühaufkläreres J. Chr. Edelmann (1746, S. 147) lese ich, dass Jesus überhaupt keine besondere Kirche bzw. Religion gründen wollte. In diesem Falle kann es dann ja auch keinen Geburtstag der Kirche geben. Und es darf dann eigentlich auch überhaupt keine Kirche im Sinne von ecclesia geben. Allenfalls im Sinne von Synagoge. Aber ich gehe mal davon aus, dass man solche Auffassungen als Ketzerei bezeichnen muss? Oder ist es vielleicht doch einfach die Wahrheit, dass Jesus keine Kirche wollte? https://www.spiegel.de/spiegel/a-56578.html https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/9756/5/

24. Mai 2021 10:59 Christa Hengsbach

Wie bei keinem anderen christlichen Fest, ist es ein Fest der Begegnung von Menschen, fröhlich und sinnlich in der erwachten Natur, religiös, interreligioes, interkulturell. Das Motiv der Taube und des heiligen Geistes steht für Diversität und Freude im Miteinander...Feste , die religiös verankert sind, brauchen einen aktuellen gesellschaftlichen Bezug zum Menschen, sonst verlieren sie ihre Essenz und Glaubwuerdigkeit.

26. Mai 2021 08:47 Antje Schrupp

@Lutz Felbick - die Antwort auf die Frage, was Jesus selbst wollte oder nicht, muss wohl immer spekulativ bleiben. Aber selbst wenn man nachweisen könnte, dass Jesus selbst vielleicht keine Kirche gründen wollte, so ist ja nicht auszuschließen, dass sich für seine Anhänger:innen diese Idee nach seinem Tod ergeben hat. Die Kirche ist ja sicherlich eine weltliche Institution in dem Sinne, dass sie menschengemacht ist und somit auf jeden Fall ihre Schwächen hat. Aber das spricht nicht per se gegen sie, finde ich.

26. Mai 2021 09:42 Felbick, Lutz

@Antje Schrupp Ich stimme nicht überein mit Ihrer Meinung, dass es wohl immer spekulativ bleiben muss, was Jesus selbst wollte oder nicht. Meines Wissens ist er bis zu seinem Tod Jude geblieben. Kein bequemer Jude, aber immerhin ein Jude und nicht das Mitglied einer noch nicht existierenden römischen Kirche oder Mitglied einer anderen Religion. Wir wissen heute, dass die endgültige Trennung von Juden und Christen erst sehr lange nach dem Tod Jesu stattfand. Diese Spaltung war also nicht in Jesus begründet, sondern in seinen angeblichen Nachfolgern. Aber diese "Nachfolger" interessierten sich wenig für die Frage, ob die Spaltung der Gemeinde in Juden und Christen im Auftrag Jesu geschah. Diese zunehmende Spaltung, die in der Judenfeindlichkeit endete, war verhängnisvoll. Die gesamte historische Entwicklung kann man nicht verharmlosen als die ein oder andere menschliche "Schwäche". Außerdem wäre die gesamte christliche Theologie sinnlos, wenn wir der Frage ausweichen bzw. sie als Spekulation abtun, was Jesus selbst wollte. Das ist doch DIE zentrale Frage der Theologie oder irre ich mich?

27. Mai 2021 12:09 Antje Schrupp

@Lutz Felbick - Ich denke auch, dass die Trennung von Judentum und Christentum nicht der Wunsch von Jesus war, jedenfalls gibt es ja keine Hinweise darauf in den Überlieferungen. Diese Trennung hat sicher historische Gründe, die erst nach Jesu Tod stattfanden (speziell die Zerstörung des Tempels in Jerusalem), und es haben viele dazu beigetragen, sowohl auf christlicher als auch auf jüdischer Seite. Und dass die christliche Judenfeindlichkeit nicht zu rechtfertigen ist und nicht verharmlost werden darf, darüber sind wir uns auch einig. Ich stimme Ihnen aber tatsächlich nicht zu, dass christliche Theologie allein die Aufgabe hätte, herauszufinden zu versuchen, was Jesus wollte. Wäre das ihre Aufgabe, so wäre sie ja von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil eben die Zeugnisse über Jesus selbst viel zu spärlich und lückenhaft sind, und das, was uns überliefert ist, ist immer schon von der Meinung derer, die es aufgeschrieben haben, überlagert. Die Aufgabe christlicher Theologie – wie ja auch jüdischer und ich würde sagen jeglicher Theologie – ist es, herauszufinden, was Gottes Wille ist. Das ist der gemeinsame Maßstab, und dabei müssen wir mit der Tatsache leben, dass es dabei eben sehr unterschiedliche Auffassungen gibt.

27. Mai 2021 14:35 Lutz Felbick

@Antje Schrupp da bin ich mit allem einverstanden. Wir müssen das Göttliche suchen und wirksam werden lassen. Das weist über Jesus hinaus.

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