Gott & Glauben

„Kein Zwang zum Frommsein“

In ihrer „Lebenswortgruppe“ findet unsere Redakteurin Anregungen, Bibeltexte auf ihren Alltag zu beziehen und sich regelmäßig mit anderen darüber auszutauschen.

Ein "Lebenswort" aus der Bibel wird im Alltag bedacht. | Foto: Stephanie von Selchow
Ein "Lebenswort" aus der Bibel wird im Alltag bedacht. | Foto: Stephanie von Selchow

Es liegt auf unseren Frühstückstischen, hängt an unseren Badezimmerspiegeln oder an anderen Orten in der Wohnung, an denen wir uns oft aufhalten: Das Lebenswort. Das ist ein Satz oder Sinnabschnitt aus der Bibel, der uns Kraft gibt oder Trost, der uns aufbaut oder herausfordert, stärkt, streichelt oder ärgert. Meistens. Manchmal findet man auch gar keinen Zugang dazu oder ist so sehr beschäftigt, dass es einen nicht erreichen kann.

Aber wir haben Zeit. Einen ganzen Monat lang können wir das Wort verinnerlichen und erleben, ob und wann es im Alltag trägt: Der Bezug zum täglichen Leben ist gewollt und wichtig. Erst dann treffen wir uns wieder, um uns in unserer „Lebenswortgruppe“ darüber auszutauschen.

„Der Umgang mit einem Bibelwort ist kein Zwang zum Frommsein“, sagt die Ruhestands-Pfarrerin Lisa Neuhaus, „sondern ein Weg, Anschluss an Gottes Kraft zu finden. Nicht jedes Wort wird zur Kraftquelle. Aber oft reicht schon ein Krümel.“ Neuhaus hat, als sie noch Pfarrerin in der Epiphaniasgemeinde im Frankfurter Nordend war, drei Lebenswortgruppen gegründet. Sie stehen in der Tradition der Foccolare, einer italienischen Laienbewegung zur Erneuerung der Kirche.

In unserer Lebenswortgruppe treffen wir uns einmal im Monat, donnerstags um halb acht, in einem Raum der Epiphaniaskirche. Zurzeit sind wir zu viert. Wir singen ein Lied aus dem Gesangbuch und dann tauschen wir uns aus. Wir erzählen uns gegenseitig, wie wir das Lebenswort verstehen und schildern uns unsere Erlebnisse und Erfahrungen im Alltag damit – soweit wir sie mit den anderen teilen wollen. Das ist jedes Mal bereichernd. Immer gibt es noch einen Aspekt, auf den man selbst nicht gekommen ist. Oder ein anderer aus der Gruppe hat andere Erfahrungen gemacht, als man selbst. Es geht um das Teilen von geistlichen Erfahrungen, über die man sonst selten Gelegenheit hat, mit anderen zu sprechen.

Es sind aber nicht nur die Gespräche, die die Lebenswortgruppe so wohltuend für die Seele machen, sondern das ganze Ritual. Jeden Monat gestaltet eine Person aus der Gruppe den Abend. Sie bringt Teelichter mit, Brot und Wein. Und ein neues Lebenswort, das sie sich aus der Bibel ausgesucht hat – vielleicht erst in der Nacht vorher oder lange vorbereitet. Nach dem Austausch über das alte Lebenswort stellt sie dieses neue Lebenswort vor, meist auch noch die Bibelstelle, in deren Zusammenhang es steht. Wir lassen spontan einzelne Wörter auf uns wirken, ohne schon genauer auf das neue Wort einzugehen.

An diesen Abenden entdecken wir immer wieder, dass die Bibel ein Kraftpaket ist. Man muss sie nur anzapfen. Wer möchte, kann ein Teelicht in der Mitte anzünden für einen Menschen, an den er oder sie im Moment besonders denkt. Man kann einen stillen Wunsch damit verbinden oder einen laut ausgesprochenen Dank. Pfarrerin Neuhaus sagte immer, man könne Gott ruhig auch einmal danken. Und wirklich: Dafür gibt es mehr Gründe als man vielleicht zunächst denkt.

Dann gehen wir in die Stille: Das heißt, alle meditieren für fünf bis zehn Minuten auf ihrem eigenen Stuhl. Nach dieser konzentrierten Ruhe stehen wir auf und beten gemeinsam das Vaterunser. Zum Schluss reichen wir uns gegenseitig das Abendmahl – als Protestant oder Protestantin darf man das. Luther hat schließlich vom „Priestertum alle Gläubigen“ gesprochen, die Vermittlung durch einen geweihten Priester ist beim Austeilen der Sakramente nach evangelischem Verständnis nicht notwendig.

Am Anfang war das für uns durchaus ungewohnt, aber mittlerweile sind wir sehr damit vertraut. Wesentlich ist, dass die Einsetzungsworte gesprochen werden: „Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten war, nahm er das Brot, dankte, brach's, gab's den Seinen und sprach ...“ Bei uns reicht eine dem anderen ein Stück vom mitgebrachten Brot: „Christi Leib, für Dich gegeben“. Ebenso einen Becher Wein: „Nimm und trink vom Kelch des Heils“. Schließlich spricht die Person, die den Abend leitet, noch einen Segen und wir singen ein letztes Lied. Offizielles Ende.

Oft unterhalten wir uns dann noch ein bisschen. Über die Jahre haben wir viel voneinander erfahren, mögen und schätzen uns und denken in schwierigen Zeiten aneinander. Auf der Fahrt nach Hause fühle ich mich immer gestärkt und erholt. Und bin schon wieder neugierig, ob das neue Wort, das ich bekommen habe, im Alltag trägt.

Wer Interesse hat, eine Lebenswortgruppe kennenzulernen, kann sich direkt an die Autorin wenden: s.vonselchow (at) gmail.com.


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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

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