Gott & Glauben

Lohnt sich beten?

Lohnt sich Beten? Kommt drauf an, was man sich davon erwartet. Gott ist jedenfalls kein Automat, in den man oben einen Wunsch hineinsteckt und unten kommt Erfüllung heraus.

Beim Beten kann man Gott alles vor die Füße schmeißen. | Foto: Sincerely Media /unsplash.com
Beim Beten kann man Gott alles vor die Füße schmeißen. | Foto: Sincerely Media /unsplash.com

Ob sich das Beten lohnt? Um diese Frage ging es bei einer gestreamten Veranstaltung der Evangelischen Akademie Frankfurt. Die Antwort: Das kommt darauf an, was man unter Beten versteht und was man sich davon erwartet. Gott ist sicherlich „kein Automat, in den man oben einen Wunsch hineinsteckt und unten kommt Erfüllung heraus“, wie Karl-Heinrich Ostmeyer, Professor für evangelische Theologie an der Technischen Universität Dortmund es formulierte.

Dietrich Bonhoeffer, einer der wichtigsten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts, der von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager ermordet wurde, verstand unter Beten den Anfang eines Dreischritts: Im Gebet, so Bonhoeffer, gelange man zu Klarheit und Mut, könne dann so gestärkt zum rechten Tun kommen und im dritten Schritt „auf Gottes Zeit warten“, also darauf, dass Gott handelt.

Paul Tillich, ebenfalls Theologe und Zeitgenosse Bonhoeffers, war überzeugt, dass man zu Gott nicht wie zu einer anderen Person beten kann, weil der Mensch Gott, „dem Sein Selbst“, nicht ebenbürtig ist, wie Mirjam Sauer, wissenschaftliche Assistentin an der Universität Gießen, erläuterte. Trotzdem habe man laut Tillich als Mensch gar keine andere Möglichkeit, als sich an Gott zu wenden. Beten sei Ausdruck unserer Kreatürlichkeit, die Frage, ob es sich lohnt, stelle sich nicht.

Eine Kampagne der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau hat das Beten kürzlich als „Gottkontakt“ beschrieben. Es gebe unzählige Arten, wie man beten kann, hieß es in einem Flyer, der an alle evangelischen Haushalte der Landeskirche verschickt wurde mit der Aufforderung: „Finden Sie die, die Ihnen hilft!“

Aber muss man nicht sehr gläubig sein, um beten zu können? Das wollten einige Zuhörende im Chat wissen. Ganz im Gegenteil, entgegnete Pfarrer Michael Heymel. Gerade Zweifel seien ein guter Grund zum Beten. Hilfreich sei es jedoch, Orientierungsvorgaben zu haben. Das könne das Vaterunser sein oder die über 2000 Jahre alten Psalmen, die Gesänge Davids und Salomos aus der Hebräischen Bibel.

Das Vaterunser ist für den Neutestamentler Ostmeyer „ein Geschenk, das Jesus uns mitgegeben hat“. In tiefster Not habe Jesus im Garten Gethsemane zu Gott gebetet „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“. Jesus habe sich in jener Nacht gewünscht, dass der Kelch des schweren Sterbens an ihm vorübergeht, doch dieser Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen. Dennoch sei er in Beziehung zu Gott geblieben. Genau darauf, auf die Beziehung zu Gott, komme es beim Beten an, nicht auf eine vermeintliche Glaubensstärke.

Noch ein anderer Aspekt ist wichtig, nämlich das, was Paulus im Brief an die Römer (Kapitel 8, Vers 26) geschrieben hat: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.“

Und wenn man schließlich, auf welche Art auch immer, zum Beten gefunden hat: Wie hört oder merkt man dann Gottes Antwort? Auch diese Frage brannte einigen Zuhörenden unter den Nägeln. „Indem man still wird“, lautete der Rat von Pfarrer Michael Heymel. Indem man das Leben annehmen kann, wie es ist, sagte Krankenhauspfarrer Christian Rahlwes, der oft mit Menschen zu tun hat, denen die eigene Endlichkeit bewusst wird. Oder wie Mirjam Sauer unter Bezug auf Tillich sagte: Das Entscheidende geschieht nicht Dialog zwischen Mensch und Gott, sondern „in der hingebenden Teilnahme des Betenden an die Dynamik, die durch ihn hindurchfließt“.

Es geht beim Beten nicht darum, dass sich das Gebet erfüllt, sondern darum, dass das Gebet den Betenden ganz erfüllt, bekräftigte auch Ostmeyer. Im Gebet dürfe man Gott „alles vor die Füße werfen: Existenzangst, Einsamkeit, Sorgen um Angehörige oder Stress". Und wenn es nichts nützt und sich auch erstmal nicht zu lohnen scheint, kann man immer noch „Weiterschreien. Wie Hiob.“


Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

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