Gott & Glauben

Mit Frau Kirch in die Kirche (6): gemeinsam schweigen

Wie kommen die Angebote der Kirche bei den Menschen an? Das erkunden wir in der Reihe „Mit Frau Kirch in die Kirche“. Diesmal nahm unsere Autorin Silke Kirch das Ehepaar Marietta und Angelo Noutsias mit in einen meditativen Gottesdienst.

Zusammen mit dem Ehepaar Marietta und Angelo Noutsias besuchte Silke Kirch einen "Gottesdienst aus der Stille". | Foto: Andrea Kreisel
Zusammen mit dem Ehepaar Marietta und Angelo Noutsias besuchte Silke Kirch einen "Gottesdienst aus der Stille". | Foto: Andrea Kreisel

Auf dem Weg zur Heiliggeistkirche am Börneplatz kreuze ich die Zeil. Es sind hier selbst am Wochenende so viele Menschen unterwegs, mit dem Fahrrad ist kaum ein Durchkommen. Also wähle ich einen Umweg und schiebe den Drahtesel neben mir her. Zwischendurch mal etwas langsamer zu machen, könnte ja auch eine Option sein, denke ich, aber das ist ja gar nicht so einfach, wenn die Termine so eng getaktet sind.

Marietta und Angelo Noutsias geht es ähnlich. Die To-Do-Liste wartet. Die Kinder ebenfalls. Trotzdem hat sich das Ehepaar Zeit genommen, zusammen mit mir den „Gottesdienst aus der Stille“ zu besuchen, der mehrmals im Jahr in der Frankfurter Heiliggeistkirche stattfindet. Gespannt und neugierig lassen wir uns auf die Feier ein, die mit wenigen Worten auskommt: Klang, Musik, Gesang, Meditation – kleine Impulse, ein Gebet. Eingebettet in gemeinsames Schweigen.

Marietta und Angelo fühlen sich inspiriert. Vor allem von dem Text, der gelesen wurde: Marianne Delbrêl, eine Mystikerin des frühen 20. Jahrhunderts, hat ihn geschrieben. Glauben sei wie ein Tanz, heißt es darin, ein Ausdruck der Freude, des Vertrauens. Niemand wisse, wohin der Tanz führe, sich das Menschsein jeden Morgen anzuziehen wie ein Ballkleid, das sei das Wesentliche.

Das passe so gut zu ihrem Empfinden im Alltag, meint Marietta, die in der Agentur für Arbeit Menschen begleitet, die ihren Job verloren haben. Bedarf und Bedürfnisse – mit ganz feiner Wahrnehmung erzählt sie davon, wie wichtig das Innehalten in ihrem Alltag ist, damit die Menschen, die zu ihr kommen, die manchmal in großer Not sind, mit Ängsten kämpfen und sich ausgeliefert fühlen – damit sie für einen Moment ankommen können. Wie sie ganz bewusst darauf achtet, dass nicht allein der Minutenzeiger den Takt bestimmt, sondern etwas, das zwischen den Ziffern nicht zu finden ist. Die Atempause. Der Bezugspunkt weit außerhalb. Die menschliche Zuwendung.

Das hat für sie mit Religion zu tun, im Glauben verwurzelt zu sein, gibt ihr Kraft – institutionell gebunden sei sie eher nicht. Angelo, der vor langer Zeit aus der Kirche ausgetreten ist und jeder Liturgie eher mit Skepsis begegnet, stimmt ein. Auch er kann der Feier in der Stille etwas abgewinnen. Er fühle sich nun viel ruhiger, habe ein Stück weit aus dem Kopf herausgefunden, ein wenig Spielraum gewonnen gegenüber den Aufgaben, die noch heute für morgen vorbereitet sein wollen. Nicht nur zu fokussieren, sondern auch einmal weit zu werden – das sei sehr wohltuend.

Während wir miteinander reden, baut das Gottesdienst-Team um uns herum den Kirchenraum um. Sammelt die Kissen ein, rollt die wollenen Meditationsmatten auf, packt die Instrumente zusammen. Es ist dunkel, als wir die Kirche verlassen. Wie gut es ist, so miteinander zu sein.

Die nächsten Termine für den Gottesdienst aus der Stille: 19. Januar, 22. März und 7. Juni 2020, jeweils um 17 Uhr in der Heiliggeistkirche, direkt neben dem Dominikanerkloster am Börneplatz in Frankfurt.

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Silke Kirch 29 Artikel

Dr. Silke Kirch studierte Germanistik, Kunstpädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main und ist freie Autorin und Redakteurin.

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