Gott & Glauben

Mit Frau Kirch in die Kirche (7): Überblendete Nähe

Wie kommen die Angebote der Kirche bei den Menschen an? Das erkunden wir in der Reihe „Mit Frau Kirch in die Kirche“. Diesmal nahm unsere Autorin Silke Kirch die Psychoanalytikerin Inge Hammeran mit in einen Abendgottesdienst, der sich allerdings dann als evangelikaler Erweckungsgottesdienst herausstellte.

Inge Hammeran und Silke Kirch gerieten, ohne es zu wissen, in einen evangelikalen Erweckungsgottesdienst.
Inge Hammeran und Silke Kirch gerieten, ohne es zu wissen, in einen evangelikalen Erweckungsgottesdienst.

Ein originelles Schild neben der Eingangstür der Lukaskirche in Sachsenhausen weist darauf hin, dass die Kirche die ganze Woche über ihre Türen geöffnet hat. Einladend auch der Stuhlkreis im Altarraum – regelmäßig findet hier einmal im Monat, jeweils am dritten Sonntag, ein Abendgottesdienst in kleiner Runde statt.

Inge Hammeran und ich haben uns per Google aus der breiten Palette der Gottesdienstangebote, die in Frankfurt unter dem Dach der evangelischen Kirche stattfinden, dieses ausgesucht. Ausschlaggebendes Kriterium: die Tageszeit.

Das Ankommen gestaltet sich schwierig. Man kennt sich und ist per Du, Inge und ich sind fremd und auch etwas befremdet: Trotz der kleinen Runde läuft hier nichts ohne Mikrofon, und trotz Technik versteht man sehr schlecht, was gesagt wird.

Unwillkürlich nehmen wir beide eine distanziert-kritische Sitzhaltung ein. Aber dann wird zum Glück das Mikro an ein Paar mit Gitarre übergeben, Liedtexte werden an die Wand neben dem Altarbild projiziert – ich atme auf, Singen verbindet. Doch weder meine Begleitung noch ich kennen – anders als alle anderen – auch nur eines der Lieder.

Es ist mir fast peinlich, Inge hierher mitgenommen zu haben. Zusammen gesungen haben wir schon, doch nicht allein mangels Noten fällt nun das Einstimmen schwer. Lied folgt auf Lied, die meisten auf Englisch, sie erzählen von Jesus, der überall ist, der uns hilft und uns erlöst. Texte, wie Inge hinterher sagt, die nicht gerade vielschichtig und bedeutungsoffen sind.

Ein Gemeindemitglied erzählt die Geschichte von Nick Vujicic, der ohne Arme und Beine geboren wurde, und lässt ein Video laufen, in dem gezeigt wird, wie der junge Mann sein Leben meistert – optimistisch, voller Energie, ansteckend für andere. Der gebürtige Australier füllt ganze Fußballstadien und widmet sich der Aufgabe, Menschen die Geschichte seiner religiösen Erweckung zu erzählen. Jetzt ist es etwas klarer: Wir sind in einem evangelikalen Gottesdienst gelandet. Zum Glück habe ich eine kompetente und reflektierte Gesprächspartnerin an meiner Seite: Inge ist Psychoanalytikerin.

"Ich glaube; hilf meinem Unglauben" – die Jahreslosung der Evangelischen Kirche in Deutschland wird zitiert. Ich betrachte die Decke über dem Altarraum, die eine interessante Faltung hat. Das Glaubensbekenntnis von Nick Vujicic hingegen wirkt merkwürdig faltenfrei.

Im Grunde, so Inge hinterher im gemeinsamen Gespräch, gehe es in einem solch evangelikalen Gottesdienst ja um einen ganz kindlichen Glauben, einen Glauben ohne Hadern, ohne Widerstände, ohne innere Zerrissenheit. Um Gewissheit statt Suche, Erweckung statt Auseinandersetzung, um einen Gott, der einfach da ist.

Was Glauben auch ausmacht, das widerständige, sehnsuchtsvolle und zuweilen auch verzweifelte Ringen, kam in diesem Gottesdienst kaum zur Sprache. Kein Platz für Ambivalenzen, für Berg und Tal, Umwege und Spannungen.

Aber auch wenn der Kreisschluss für uns nicht geglückt ist: Wir können ja nicht wissen, wo Gott sein Zelt aufschlägt. Im anschließenden Gespräch mit Inge jedenfalls finde ich, was ich im Gottesdienst vermisst habe: einladende Nähe, die Distanz nicht ausschließt.


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Silke Kirch 36 Artikel

Dr. Silke Kirch studierte Germanistik, Kunstpädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main und ist freie Autorin und Redakteurin.

1 Kommentar

17. Februar 2020 18:59 Maute Müller

Schade, dass hier mit sehr vielen Klischeebildern geschildert wird. Sicher ist es nicht leicht, sich von eigenen Erwartungen erst einmal abzukehren (wenn mit einer evangelischen Liturgie gerechnet wurde) und über das laienhafte Handling der Technik tolerant hinwegzusehen. Ich erinnere mich gut an diesen Abendgottesdienst, vor etwa 10 Jahren war ich selbst öfter dort und habe es als familiär und freundlich erlebt. Auch die einladende Nähe vermisste ich als Neufrankfurterin nicht dort , sondern oft in den Gottesdiensten der evangelischen Kirche. Weshalb es mich dann irgendwann auch in eine evangelikale Gemeinde verschlug. Gut, so machen wir halt alle unsere Erfahrungen. Da die Schilderung bei mir den Eindruck erweckte, dort fände ich bei einem Besuch eine Mischung aus Amish-Naivität, grauzonenfreier Sektenbegeisterung und Pfadfinderromantik vor, möchte ich gerne auch ein Stereotyp aus meinem evangelikalen Platitüdenkästchen weitergeben. Frage: Woran erkennt maneinen evangelischen Gottesdienst? Es versammeln sich 10-20 Menschen über 60 in einem riesigen leeren Gebäude, hören ein durch historisch-kritische Beliebigkeit zahnlos gewordenes Wort Gottes und es fällt einem das muntere Bonmot aus der Zigarettenwerbung ein: Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Nix für ungut! Ihre kritische Leserin Maite Müller

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