Gott & Glauben

Pilgern statt Spazieren

Noch nie sind die Leute so viel und so regelmäßig spazieren gegangen, wie während Corona. Aber mit der Zeit wird es doch langweilig. Wäre Pilgern eine Alternative?

Von außen lässt sich nicht erkennen, ob jemand pilgert oder spazieren geht. Auf die innere Haltung kommt es dabei an. | Foto: Antje Schrupp
Von außen lässt sich nicht erkennen, ob jemand pilgert oder spazieren geht. Auf die innere Haltung kommt es dabei an. | Foto: Antje Schrupp

Thomas Mann tat es immer vor dem Mittagessen, Immanuel Kant Punkt sieben Uhr abends, und seit Corona bin auch ich regelmäßige Spaziergängerin geworden. Was soll man machen, wenn das Fitnessstudio zu hat und in die Wohnung kein Trampolin passt? Doch was voriges Jahr noch neu und frisch war, entfaltet so langsam eine gewisse Langeweile.
Was, wenn ich das Ganze nicht nur unter einer sportlichen, sondern auch unter einer spirituellen Perspektive betrachten würde?

Ich rufe Pfarrerin Kirsten Lippek an, von der ich weiß, dass sie eine Ausbildung zur Pilgerbegleiterin gemacht hat. Was, frage ich sie, ist der Unterschied zwischen Pilgern und Spazierengehen?

„Dass man beim Pilgern nicht dem Hamsterrad des Denkens freien Lauf lässt, sondern sich fokussiert!“ Aha. Ja, das Hamsterrad kenne ich. Es passiert mir oft, dass ich beim Spazierengehen Telefongespräche im Kopf durchspiele oder das Abendessen plane. Beim Pilgern, sagt Kirsten Lippek, solle man das alles beiseiteschieben und die Aufmerksamkeit stattdessen fokussieren. Auf was?

Fromm ausgedrückt: auf Gott, auf die Schöpfung, darauf, die eigene Seele weit zu machen. Man kann es aber auch anders formulieren: Beim Pilgern versucht man, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, aufmerksam zu werden für die Dinge, auf die es wirklich ankommt.

Was in der Theorie einleuchtend klingt, ist praktisch leider nicht so leicht umzusetzen. Die Vorgabe „Vergessen Sie doch mal ihre Alltagsprobleme“ funktioniert im konkreten Fall nur so mittelgut. Aus diesem Grund gibt es beim Pilgern Übungen, Erfahrungen, Regeln. Der Klassiker ist, die eigenen Gedanken durch ein Mantra zu bändigen, so ähnlich wie beim Meditieren. Das kann ein Psalmvers sein, ein Gebet, aber auch irgend ein anderer Text, den man immer wieder spricht. Das hilft, abschweifende Gedanken zurückzuholen.

Ein anderer Tipp ist, sich kleine Aufgaben zu stellen. Zum Beispiel die, auf dem Weg ein bedeutsames Objekt zu finden, oder eine gewisse Strecke lang besonders auf Gerüche zu achten, oder ein Insekt einige Minuten zu beobachten.

Worauf es nach Ansicht von Lippek hingegen überhaupt nicht ankommt, ist das Ziel. Auch nicht bei den Pilgerwegen, die irgendwohin führen. „Wenn es um das Ziel ginge, müsste ich ja nicht pilgern, dann könnte ich auch mit dem Zug fahren.“

Ein Ziel kann allerdings ein Thema vorgeben, wie die Suche nach Heilung bei einer Wallfahrt. Viele Pilgerwege stellen auch die Erinnerung an eine bestimmte Person ins Zentrum. Zwei davon kreuzen sich in Frankfurt: der 2004 eingerichtete Bonifatiusweg (von Mainz nach Fulda) zur Erinnerung an den Missionar, der im 8. Jahrhundert das Christentum nach Hessen brachte, und der 2017 entstandene Lutherweg (von Worms nach Eisenach) auf den Spuren des deutschen Reformators. Beide Wege treffen sich in Nieder-Erlenbach. Dort an der evangelischen Kirche bekommt man die entsprechenden Pilgerstempel und kann einen Andachtsraum an der Rückseite der Kirche besuchen. In normalen Zeiten machen hier viele Wandergruppen Station, wie Pfarrerin Petra Lehwalder erzählt. Wegen Corona können sich derzeit allerdings nur zwei Personen gleichzeitig in der Kapelle aufhalten.

Und wo sollte man am besten pilgern? Im Prinzip sei die Wegstrecke egal, sagt Pfarrerin Lippek. Sie empfiehlt aber trotzdem, raus in die Natur zu fahren. Ob Spessart, Taunus, Odenwald oder Wetterau: Es gibt ja herrliche Landschaften in der Nähe. „In der Stadt muss man doch ständig aufpassen, dass man nicht vom Auto überfahren wird. Außerdem sind überall Reize, die uns ablenken.“

Skeptisch ist sie auch bei Angeboten mit zu viel Informationen entlang der Wegstrecke. „Pilgern ist schließlich keine Bildungsreise und kein Kräuterspaziergang.“ Und sie hat noch einen Ratschlag: Klein anfangen! Auch Übungen von drei oder fünf Minuten funktionieren bereits.

Digitale Unterstützung beim Pilgern bietet neuerdings auch eine Pilgerweg-App mit täglichen Impulsen für 30 Minuten zweckfreies Gehen im Alltag.


Autorin

Antje Schrupp 164 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

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