Gott & Glauben

Verschwörungsglaube „QAnon“: Entsteht da eine neue Religion?

Corona-Leugner, Verschwörungsgläubige, rechte Esoterikerinnen und Rechtsextremisten aus ganz Deutschland protestierten am vergangenen Wochenende in der Berliner Innenstadt. Eine besonders bizarre Verschwörungsideologie istQAnon. Manche glauben sogar, dass hier eine neue Religion entsteht.

Foto: Mike MacKenzie / Flickr.com (CC BY 2.0)
Foto: Mike MacKenzie / Flickr.com (CC BY 2.0)

Prominente wie der Musiker Xavier Naidoo und der Kochbuchautor Attila Hildmann haben dazu beigetragen, QAnon in Deutschland bekannt zu machen. Verschwörungserzählungen haben in Krisenzeiten immer Konjunktur; wenn man nicht weiß, was die Zukunft bringt, haben vereinfachende Narrative eine hohe Attraktivität. Doch die aus den USA herübergeschwappte QAnon-Erzählung ist so wirr und absurd, dass man es gar wiedergeben mag. Und trotzdem sehen viele in dieser Bewegung eine Gefahr für die demokratische Gesellschaft, mindestens aber hätte sie das Potential für die Gründung einer Religionsgemeinschaft.

Die Geschichte hinter QAnon wird in vielen Variationen erzählt, im Kern geht sie aber so: Ein mit den Mächtigen der Welt verbundener Geheimbund hält Tausende entführter Kinder in Kellern und eigenen Tunnelsystemen gefangen. Dort wird ihnen bei satanischen Folterritualen Blut abgezapft. Dieses Blut wird zur Herstellung eines Supermedikaments namens Adrenochrom benötigt, das der Elite Jugendlichkeit verschafft oder sie zumindest „High“ macht (Adrenochrom ist ein Stoffwechselprodukt des Adrenalin und bildet sich in geringen Mengen im Körper).

Die Information über diese Verschwörung verdankt man einem Unbekannten, der sich auf einer Internetplattform „Q“ nannte und behauptete, Informationen aus ranghohen US-Regierungskreisen zu haben. Der Buchstabe Q bezeichnet auch diejenigen, die Zugang zu geheimsten Regierungsinformationen haben. Hinter dem Pseudonym kann also eine mächtige Person oder eine Gruppe stehen. Darüber wird viel spekuliert. Es könnte sogar der Präsident persönlich sein. Fieberhaft wird nach Indizien hierfür gesucht. So werden Trumps Handbewegungen, die die Form eines O nachzeichnen, als Indiz für das Nachzeichnen eines Q gedeutet. Trump soll die Welt vom Bösen erretten. Er selbst, von Selbstzweifeln nie geplagt, sagte einmal: „Ich bin der Auserwählte.“ Und dafür halten ihn auch viele von denen, die an den „anonymen Q“, also QAnon, glauben.

Wie immer bei solchen Erzählungen, geht es um den Kampf zwischen Gut und Böse. Die Guten, das sind die Wissenden rund um Q, die Bösen sind die Verschwörer. Zu Letzteren gehören jüdische Zirkel und Geheimbünde, die demokratische Partei, Bill Gates und natürlich die frühere US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. US-Präsident Trump spricht wie die QAnon-Gläubigen oft von einem „tiefen Staat“, Deep State, gegen den es anzukämpfen gelte: die Massenmedien, die Demokraten, all die korrupten Politiker*innen, die am Coronavirus gescheitert sind. Nicht ganz einig ist man sich allerdings bei der Einschätzung des Coronavirus: Manche sagen, es gebe ihn gar nicht, Corona sei eine Erfindung, um entweder durch Zwangsimpfungen die Menschheit zu reduzieren oder ihre Freiheit einzuschränken. Andere glauben, Corona sei eine biologische Waffe gegen die Bevölkerung.

Auch in Deutschland hat der Glaube an „QAnon“ inzwischen Anhängerinnen und Anhänger. Auf Demonstrationen wie der in Berlin sieht man Schilder auf denen ein großes Q abgebildet ist. Im Internet werden T-Shirts mit dem Emblem verkauft, und manches Verkehrsschild, das eine Tempobeschränkung anzeigt, ist schon durch einen kleinen Querbalken, der aus der Null ein Q macht, umfunktioniert worden.

So krude die ganze Story vom anonymen „Q“ auch ist, sie heftet sich bestens an alte und in der Gesellschaft tief verwurzelte Vorurteile. Geschichten von einer Weltverschwörung, einem geheimen Club, der die Welt steuert, zirkulieren schon lange. Man dockt auch an den Antisemitismus an, ganz explizit zählt die Q-Bewegung auch „die Rothschilds“ zu den Kräften des Bösen. Im Grunde meint man damit die Juden. Vor allem aber nutzt QAnon das altbekannte antisemitische Motiv des Kindesmordes – schon im Mittelalter behauptete die antisemitische Propaganda, dass Juden bei ihren Ritualen das Blut von Kindern aussaugen würden.

Basierend auf diesen tief verwurzelten Mustern und Feindbildern lässt sich eine Stimmung erzeugen, die die Welt in Gut und Böse aufteilt, die die Anhänger und Anhängerinnen in einer eigenen Blase leben lässt. Informationen werden nur noch untereinander geteilt, was heute in verschlüsselten Messengergruppen auf WhatsApp oder Telegram besonders unkompliziert ist. Nachrichten, die etwas anderes behaupten, kommen von der „Lügenpresse“. Michael Blume, der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg und ein genauer Beobachter der Bewegung, beschreibt den Vorgang im Deutschlandfunk so: „Die Leute gehen in die entsprechenden Foren und Gruppen. Sie werden aufgefordert, ihre Zeitungen abzubestellen, keine Tagesschau mehr zu gucken, sondern ihre Informationen exklusiv aus dem Bereich der QAnon-Bewegung rauszuholen.“

Entsteht da eine neue Religion? Oberflächlich betrachtet gibt es Merkmale, die Ähnlichkeiten haben mit früheren Gründungen neuer Religionen in den USA, etwa der „Kirche der Heiligen der Letzten Tage“ (Mormonen) oder der Zeugen Jehovas. So gibt es mit Q eine Art unsichtbaren Propheten, der Anhänger*innen um sich schart. Sie deuten die Botschaften und erwarten eine Art kosmischen Endkampf zwischen Gut und Böse. Von einer „neuen amerikanischen Religion“ schreibt daher das Magazin „The Atlantic“ und erinnert an die amerikanischen Religionsgründungen der letzten beiden Jahrhunderte. Auch Michael Blume sieht hier religiöse Elemente und „digitale religiöse Formen.“

Was allerdings bei QAnon – bisher – noch fehlt, das sind Riten, die jede Religion zur Selbstvergewisserung braucht. Vielleicht übernehmen allerdings die Demonstrationen allmählich diese Funktion. Das gemeinsame Rufen der Slogans, das rhythmisierte Laufen, das Erleben der Gemeinschaft, das alles sind Formen, die auch in Religionen bekannt sind.

Der in New York lebende Autor Hannes Stein geht davon aus, dass diese Form verrückter Religiosität bleibt, und dass das Internet dabei wichtig ist. „Wir leben im Zeitalter dieses neuen Mediums. Und so wie die Druckerpresse nach ihrer Erfindung dazu geführt hat, dass es tausendundeins protestantische Sekten gab, so führt das Internet und führen die neuen Sozialen Medien jetzt zu neuen Formen religiöser Verrücktheit“, sagte Stein im Deutschlandfunk.

Der Beauftragte für Sekten und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche in Bayern, Matthias Pöhlmann ist sich noch nicht sicher, ob es bei QAnon schon zu einer neuen Religion reicht, er spricht von einem „versekteten Verschwörungsglauben“ und einer „fluiden Religionsform“, die „durchaus ersatzreligiöse Funktionen erfüllt“. Er beobachte, dass diese Theorie, insbesondere die These vom „Deep State“, besonders in der rechten Esoterik zahlreiche Anhänger*innen findet.

Was allerdings aus gesellschaftlicher Sicht die meisten Sorgen bereitet, ist das Gewaltpotential. Zahlreiche Prophezeiungen von QAnon traten nicht ein und werden auch nicht eintreten. Zum Beispiel wurde Hillary Clinton nicht verhaftet. Doch so etwas schadet einer fanatischen Ideologie in der Regel nicht. Ein Teil der Anhänger*innen mag sich abwenden, viele andere werden solche Vorgänge einfach in die bestehende Deutung integrieren und zum Beispiel sagen, dass eben die Zeit noch nicht reif war. Und ein wenn auch sehr kleiner Teil könnte sich radikalisieren, um den „Endkampf“ selbst herbeizuzwingen. Auch wenn es sich dabei nur um Einzelfälle handelt, kann eine solche Gewaltbereitschaft viel Schaden anrichten.


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Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach". Mehr über den Publizisten und Erziehungswissenschaftler ist auf www.eimuth.de zu erfahren.

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