Gott & Glauben

Sind Unglücke wie Corona eine Strafe Gottes?

Seit alters her wurden Seuchen oder Naturkatastrophen als Strafen Gottes betrachtet. Aus evangelischer Sicht ist das falsch, denn es schiebt die Verantwortung zu sehr vom Menschen auf Gott. Besser ist es, Krisen und Katastrophen als Fingerzeige Gottes auf menschengemachte Probleme zu verstehen und daraus für die Zukunft zu lernen.

Wilfried Steller ist Pfarrer im Ruhestand und theologischer Kolumnist für das EFO-Magazin. Foto: Tamara Jung
Wilfried Steller ist Pfarrer im Ruhestand und theologischer Kolumnist für das EFO-Magazin. Foto: Tamara Jung

Auch in der Corona-Pandemie gab es wieder Geistliche, zum Glück nur vereinzelt, die den Virus als Vergeltung für die Sünden der Menschen erklärt haben. Damit wird gewissermaßen ein Schlussstrich gezogen. Gerade in Krisen ist jedoch Aufbruch notwendig, Umdenken ist angesagt. Denn: So darf es nicht noch einmal kommen!

Umkehr ist eine kollektive Aufgabe. Jetzt, wo uns im Zusammenhang mit Corona die Sünden der Vergangenheit eingeholt haben – der Billigfleischkonsum, ungleiche Bildungschancen, grenzenloses Wachstum und fehlende Nachhaltigkeit – gehört es zum prophetischen Amt der Kirche, die Wirklichkeit am Willen Gottes zu messen und auf Versäumnisse hinzuweisen. Die Mahnung dringt auf Verbesserung.

Gott will nicht, dass Menschen sterben, auch nicht, wenn sie gesündigt haben. Sondern dass sie sich neu orientieren und einen Weg einschlagen, der Gottes Willen besser entspricht. Strafe hilft dabei nicht. Eine gerechte Bestrafung muss die Schuldigen von den Unschuldigen unterscheiden. Eine Seuche tut das nicht. Die Menschen, die wegen Covid-19 gestorben oder schwer erkrankt sind, sind nicht „selbst schuld”. Bei einer Seuche oder einer Naturkastastrophe leiden nicht die am meisten, die das Unglück am meisten zu verantworten haben. Sondern viele Unschuldige.

Die Leidtragenden zu würdigen, heißt, aus ihrem Schicksal verantwortungsbewusst die richtigen Konsequenzen zu ziehen und Missstände zu beseitigen. So kann man die Zurücknahme des öffentlichen Lebens mit Kontaktsperren und Infektionsschutz-Maßnahmen als eine teils erzwungene, teils selbst auferlegte Fastenzeit begreifen: Wir üben Zurückhaltung in vielem, und das eröffnet den Raum, uns auf Wesentliches zu besinnen und nachzudenken über künftige Kriterien für ein „gutes Leben“. Nur wenn die Pandemie Veränderungen in unseren Prioritäten anstößt und wir die verheerenden Schäden auch als Chance nutzen, können wir ihr einen Sinn abgewinnen.

Das Christentum hat aus Katastrophen immer wieder zu lernen versucht, sie als Zeiten kritischer und demütiger Besinnung auf das Richtige genutzt und als Ruf Gottes zum Aufbruch aus fatalen Verstrickungen wahrgenommen. Zwar wird gerne argumentiert, Gott dürfe das Unheil nicht zulassen. Weil Gott uns aber die Freiheit des Handelns geschenkt hat, müssen wir die Suppe auch auslöffeln, die wir uns eingebrockt haben. Mit den Konsequenzen unserer Freiheit und Verantwortung müssen wir leben, während Gott mit Barmherzigkeit und Geduld zuwartet und sein Urteil bis zum Jüngsten Tag hinausschiebt.

In der Krise wendet Gott sich nicht ab, sondern zu: zeigt mahnend Fehlentwicklungen auf, steht tröstend bei den Leidenden – und erweist sich genau darin als „systemrelevant”. Ein Gott, der sich gerade jetzt strafend von seinen Leuten zurückzöge, besäße tatsächlich keinerlei seelsorgerliche Wärme und wäre entbehrlich.


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Wilfried Steller 48 Artikel

Wilfried Steller ist Theologischer Redakteur von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach" und Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim.

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