Gott & Glauben

Spirituell, ja bitte – fromm, nein danke?

Viele Menschen suchen nach Spiritualität, aber nicht unbedingt in der Kirche. Gerade der Protestantismus hat den Ruf, eher kopflastig zu sein. Doch inzwischen bieten auch Gemeinden Meditation oder andere spirituelle Praktiken an. Selbst Martin Luther wird als meditierender Mystiker wieder entdeckt.

Dorothea Hillingshäuser vom Zentrum Verkündigung in der Bockenheimer Markuskirche glaubt, dass Spiritualität und klassische Frömmigkeitsformen gar nicht so weit auseinander liegen. Foto: Rolf Oeser
Dorothea Hillingshäuser vom Zentrum Verkündigung in der Bockenheimer Markuskirche glaubt, dass Spiritualität und klassische Frömmigkeitsformen gar nicht so weit auseinander liegen. Foto: Rolf Oeser

Marion lebt ihre Spiritualität. Sie meditiert, reist in einen Ashram nach Indien, vollzieht einmal im Monat gemeinsam mit anderen ein sonntägliches Ritual im Freien. Die 57 Jahre alte Künstlerin und Therapeutin ist getauft und konfirmiert. Doch Kirchen betritt sie allenfalls, um ihre schönen Glasfenster anzuschauen. Den Blick hält sie dabei möglichst abgewendet vom Kruzifix – das Abbild des Gekreuzigten ist ihr zu grausam.

Helmut Schlegel hingegen ist tief in der Praxis des christlichen geistlichen Lebens verankert. Der Franziskaner leitet das „Zentrum für christliche Meditation und Spiritualität“ in der Bornheimer Kirche Heilig Kreuz. Glauben und Spiritualität sind für den Pater keine Gegensätze. Aber er kennt unterschiedliche Gesichter von Religion: „Das eher ernste Gesicht verbindet Gott mit Moral, Pflicht, Rechtgläubigkeit, Eindeutigkeit und Sicherheit. Aber das ist nicht alles, es ist ein Teil. Der jesuanische Ansatz ist nicht Standpunkt, sondern Weg, nicht Festhalten, sondern Aufbrechen.“

Spiritualität kommt von „spiritus“, Geist

Das Wort Spiritualität kommt von „spiritus“, was „Geist“ bedeutet. „Und der Geist Gottes weht, wo er will“, sagt Schlegel, „wir können ihn nur an uns geschehen lassen. Wir finden ihn nicht im Reden, nicht in Formeln, sondern im Schweigen und im Hören, in Meditation und Kontemplation.“

Lange Zeit hat die christliche Theologie vor allem Fragen der „Rechtgläubigkeit“ ins Zentrum gestellt. Auch Teile der eigenen christlichen Tradition, etwa Mystik oder Kontemplation, gerieten in Vergessenheit. Doch seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist die Suche nach gelebter Spiritualität wieder aufgeblüht. So suchten christliche Theologen zum Beispiel die Begegnung mit fernöstlichem Zen-Buddhismus. Und mit dem Aufkommen verschiedener „esoterischer“ Strömungen in den 1970er Jahren erfuhr das Thema einen weiteren Aufschwung.

In den Begriff Spiritualität passt vieles hinein

„Mit anderen dem Geschmack des Evangeliums nachspüren“, nennt Dorothea Hillingshäuser das, was andere vielleicht als Spiritualität bezeichnen würden. Die Theologin ist Referentin für geistliches Leben im Zentrum Verkündigung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, das seinen Sitz in der Bockenheimer Markuskirche hat. „Spiritualität ist ein sehr weit gespannter Begriff, in den vieles hineinpasst“, sagt Hillingshäuser. Auch viele Evangelische verwendeten ihn heute gerne, weil sie sich von dem Wort „Spiritualität“ eher angesprochen fühlen als etwa von Wörtern wie „Beten“, „Frömmigkeit“ oder „Glauben“. Doch es komme auch vor, dass Menschen meditieren und „das zwar nicht so nennen, aber das, was sie tun, entspricht durchaus einer Form des Betens.“

Bei anderen hingegen löse der unspezifische Begriff Spiritualität manchmal Befremden aus. Doch die Pfarrerin glaubt: „Es kann sein, dass die spirituell Suchenden und die, die im christlichen Glauben fest verwurzelt sind, das Gleiche suchen, aber in unterschiedlichen Bildern und Praxisformen.“

Lange war Spiritualität gerade im Protestantismus aus dem Blick geraten. Bedingt durch die Prozesse, die die Reformation in Gang brachte, standen vor allem der Gottesdienst und die Verkündigung im Zentrum. Und dafür gibt es ja auch gute Gründe. Doch inzwischen wird wieder entdeckt, dass der Reformator Martin Luther „als Augustinermönch auch in geistlichen Übungen ganz Zuhause war“, wie Hillingshäuser sagt. „Luther wird wieder mehr als Mystiker wahrgenommen und als einer, der vielerlei Anregungen für das tägliche Meditieren geben kann.“

Eine verschüttete Tradition wurde wiederentdeckt

Anfang der 1990er Jahre war das noch ganz anders. Als damals in Frankfurt der ökumenische Arbeitskreis Meditation erste Erfahrungen mit christlichen Meditationsformen anbot, wurden die Initiatorinnen und Initiatoren teils belächelt, teils angegriffen. Inzwischen ist der Boden bereitet. „Es gelang, eine Tradition, die verschüttet war, und ein Bedürfnis, das da ist, stärker in die gemeindliche Realität einzubringen“, freut sich Hillingshäuser.

Viele Kirchengemeinden in Frankfurt bieten inzwischen Meditation an. Dies gebe vielen „eine handgreifliche Unterstützung, die Kraft Gottes im Alltag wirken zu lassen“, sagt Hillingshäuser. In Glaubens- und Theologiekursen erhalten Gemeindemitglieder Anregungen, wie sich das Christsein aufs eigene Leben auswirkt. Ein geistliches Mentorat als Begleitung von Vikaren und Vikarinnen wurde eingeführt, und Elemente der Stille gewinnen auch in so manchen Gottesdiensten mehr Raum.

„Manche können ein biblisches Wort in der Stille sehr intensiv erfahren, andere wiederum werden verrückt dabei“, sagt die Pfarrerin. Es gibt „sehr unterschiedliche Formen, die Menschen ihrer Spiritualität näherbringen. Und letzten Endes bleibt es ein Geschenk, wann und wie ich von Gott berührt werde.“

Christliche Ausstrahlungskraft geht nur ökumenisch

Hillingshäuser ist überzeugt: „Wenn wir als christliche Kirchen Ausstrahlungskraft behalten wollen, sollten wir das ökumenisch tun.“ Das gilt insbesondere angesichts einer jungen Generation, die nicht mehr besonders religiös erzogen wurde, sich aber angesichts praktizierender Muslime fragt, was für einen Glauben ihre Großeltern eigentlich lebten.

Zu dieser Generation der Großeltern gehört Hubert Schacht. In der evangelischen Martinusgemeinde in Schwanheim geht er regelmäßig zum Gottesdienst, „denn die Kraft des Gebets entfaltet sich in der Gemeinschaft viel stärker als alleine.“ Schacht kommt aus dem Katholizismus, er ist einer, der früher gezwungen wurde, in die Kirche zu gehen. Seinen Glauben hat er dabei nicht verloren, und auch das Wort „Frömmigkeit“ weiß er mit Leben zu füllen: „Ich gehe in die Kirche, um mich zu sammeln und die Verbindung zum Herrn aufzunehmen.“ Den gekreuzigten Christus, an dessen Abbild sich manche stoßen, nennt der 77-Jährige schlicht „unser Wahrzeichen“.

Konkrete Wege in die Stille können Interessierte in Frankfurt vom 9. bis 16. September gehen . Im vorigen Jahr trafen die meditativen Rundgänge zu Oasen der Ruhe in der Stadt, die Vorträge und Lesungen, Gottesdienste und Konzerte einen Nerv: „Es geht uns um den alltäglichen Lärm wie Handyklingeln oder Straßenkehrmaschinen und wie es gelingen kann, sich mit einer bestimmten inneren Einstellung dagegen zu wappnen“, erklärt Mitinitiatorin Barbara Hedtmann vom Evangelischen Regionalverband. Sie durchquert gerne die grünen Innenhöfe zwischen Dominikanerkloster und Römer, um Atem zu schöpfen und zur Ruhe zu kommen. So niedrigschwellig soll auch das Angebot der zweiten Woche der Stille sein: „Die Menschen suchen Stille, sie lassen sich darauf ein.“

Kommentar dazu: Religion geht auch ohne Spiritualität

„Frankfurt beruhigt“: Eine Woche der Stille

Vom 9. bis zum 16. September laden der Evangelische Regionalverband und das Amt für Gesundheit zur „2. Woche der Stille – Frankfurt beruhigt“ ein. An verschiedenen Orten gibt es dann Veranstaltungen zum Thema.

Über „Stille – Atempause für die Seele“ spricht Pierre Stutz, Theologe und Bestsellerautor aus der Schweiz, am Dienstag, 10. September, um 19 Uhr in der Heiliggeistkirche, Dominikanergasse 6. Gregorianische Gesänge erklingen am Mittwoch, 11. September, um 19 Uhr in der Alten Nikolaikirche am Römerberg.

Eine „Straßenbahnfahrt in Stille“ veranstaltet das Zentrum Heilig Kreuz am Donnerstag, 12. September, um 19 und um 20.30 Uhr (Abfahrt Zoo, Anmeldung bis 11. September unter Telefon 069 945484980). Eine Tanzperformance zeigt Yasna Schindler am Freitag, 13. September, um 19.30 auf der Dachterrasse im Haus am Dom, Domplatz 3 (www.wochederstille.de).


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Autorin

Susanne Schmidt-Lüer ist Pressesprecherin des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach. Sie schreibt auch als freie Autorin vor allem über Sozialpolitik, Kirche, Alter und wirtschaftspolitische Themen.