Gott & Glauben

Sterben aus der Tabuzone holen

Großer Andrang herrschte beim evangelischem Fachtag zum letzten Abschnitt des Lebens. In anbetracht von 70 Plätzen konnten nicht alle Interessierten von der Warteliste berücksichtigt werden. Hauptamtliche, aber auch Ehrenamtliche lauschten den Vorträgen und nahmen an den Workshops teil.

v.li. Christel Roßbach und Silke Peters beim Abschluss in der Diakonissenkirche I Foto: Bettina Behler
v.li. Christel Roßbach und Silke Peters beim Abschluss in der Diakonissenkirche I Foto: Bettina Behler

Ein Vers aus dem Predigerbuch des Alten Testaments. „…geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit …“ stand als Motto über dem Fachtag zum Thema „Das Sterben im Alter begleiten“, den die Evangelische Kirche in Frankfurt und Offenbach organisiert hat und der dieser Tage im Diakonissenhaus stattfand.

Vier Wochen vor dem Termin musste eine Warteliste eröffnet werden, gut 70 Leute konnten schließlich teilnehmen. „Bei solch existenziellen Fragen ist Religion gefragt“, sagt Christel Roßbach, Koordinatorin für Erwachsenenbildung und Seniorenarbeit im Evangelischen Regionalverband. Silke Peters, Pfarrerin für Altenseelsorge im Stadtdekanat, erläutert, bewusst habe man ein biblisches Motto gewählt, in der Bibel werde dem Sterben nicht ausgewichen.

Viele hauptberuflich in der Pflege und in der Seelsorge Tätige, in Altenheimen, auch im Hospiz Beschäftigte, waren unter den Teilnehmer:innen. Ehrenamtliche, die im Besuchsdienst Aufgaben übernehmen oder in Kliniken unterwegs sind, hatten sich angemeldet. Hinzu kamen Einzelne, die sich für das Thema interessieren, weil sie selbst jemanden begleitet haben oder aber, weil sie dem Thema „Sterben“ nicht ausweichen wollen.

Pfarrerin Peters ist es wichtig, diesen letzten Abschnitt nicht nur unter dem Aspekt „defizitär“ zu betrachten. „Es ist Leben, in der Phase kann sich immer noch mal etwas neu ergeben“, sagt die 56-Jährige. Kinder erfahren von Eltern in der Zeit des Abschieds Überraschendes, Paare, Freundinnen, Freunde erleben mit dem oder der Sterbenden eine Phase, die sie nicht missen wollen, skizziert die Theologin.

„Es ist wichtig, zu allen Zeiten über das Sterben zu reden“, findet Roßbach. Sie profitiere davon, dass in ihrer Familie „Sterben“ kein Tabuthema war, ihr Studium hat sich die 54 Jahre alte Gemeindepädagogin durch einen Job in einem Altenheim finanziert, auch da war sie mit dem Thema „Sterben“ konfrontiert.


Der theologisch-wissenschaftliche Blick auf das Sterben

Der Vormittag der zusammen mit dem Diakonissenhaus organisierten Veranstaltung begann mit einem Vortrag von Professorin Edeltraud Koller, Lehrstuhl für Moraltheologie, Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen. Sie sprach über „Das Sterben im Alter als vielschichtige Existenzielle Herausforderung“. Für die Sterbenden und für die Angehörigen handele es sich um eine Herausforderung. Sehr unterschiedlich sei das Erleben. „Im Frieden oder im Kampf, versöhnt oder verbittert, zuversichtlich oder angstvoll“, benannte sie beispielhaft Gemütszustände. Ein herannahender Tod konfrontiere einen mit der jeweiligen Beziehung, aber auch mit der eigenen Sterblichkeit. Ängste vor körperlichem Verfall, auch vor dem „Gericht Gottes“ griffen Raum.

Wolfgang Drechsel, bis zu seiner Emeritierung Professor für Praktische Theologie/Seelsorge in Heidelberg und 23 Jahre lang Klinikseelsorger in München, referierte anschließend über: „Zwischen Festhalten am Leben und dem Wunsch, zu gehen – Altenseelsorgliche Perspektiven zum Umgang mit dem Sterben“. Er warnte vor gängigen Vorstellungen „von einem gelingenden Sterben“. Das zähle zu den „großen gesellschaftlichen Mythen“ unserer Zeit. Die Menschen erlebten, dass schwächer werden, der körperliche Verfall mit Scham besetzt sind. Seelsorge könne wichtige Angebote machen in der Zeit der Verunsicherung. Spiritualität lässt erahnen, dass der Mensch nicht im Vorhandenen aufgeht, dürfe aber nicht übergestülpt werden, sagte Professor Drechsel in seinem Vortrag.


Ein dichter Tag – besonders gefragt der Workshop „Hilflos – hilfreich?“

Bewusst habe man das Thema „assistierter Suizid“ herausgelassen, berichtet Peters. Das sei fast schon ein „Hype“, meint Roßbach. Der assistierte Suizid und die Debatte darüber finde große Beachtung in der öffentlichen Aufmerksamkeit. Um das „ganz normale Sterben“ im Alter sei es an dem Tag gegangen, fasst Peters zusammen. Um die menschliche Endlichkeit ging es, die Frage nach der Auferstehung wäre noch mal ein anderes Thema gewesen, so Roßbach.

Auch so war der Tag schon dicht gefüllt und intensiv. Vier Workshops bot der Nachmittag. Trost- und Trauerlieder, Möglichkeiten der Kunsttherapie wurden in praxisnahen Workshops erläutert, um Tod und Sterben ging es in gezeigten Filmen, die erörtert und in Verbindung mit dem Erleben gebracht wurden. Am größten war der Andrang bei dem Workshop „Hilflos – hilfreich?“, der vom Evangelischen Hospiz bestritten wurde. Einen nahestehenden Menschen am Lebensende zu begleiten, ist herausfordernd und verursacht häufig Gefühle von Hilflosigkeit: Was passiert da eigentlich? Wie kann ich unterstützen? Der Workshop gab Einblicke und auch ganz praktische Hinweise für die Begleitung von Sterbenden.

Christel Roßbach verwundert es nicht, dass dieser Workshop auf besonders großes Interesse gestoßen ist. Die Koordinatorin der evangelischen Erwachsenenbildung und Seniorenarbeit in Frankfurt und Offenbach hat in jüngster Zeit ihre Angebote rund um die Themen Sterben und Trauer ausgeweitet. Kirche hat dazu auf differenzierte Weise und nahe am Geschehen etwas zu sagen – der Fachtag und seine Resonanz haben das wieder deutlich gemacht.


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Bettina Behler 314 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach