Gott & Glauben

Warum Glauben unvermeidlich ist

Trotz aller entsprechenden Prognosen wird unsere Welt nicht religionsloser. Weltweit betrachtet ist der Säkularismus keineswegs auf dem Vormarsch, und auch die westlichen Gesellschaften bleiben religiös, wie der Sozialphilosoph Hans Joas kürzlich bei einem Vortrag in der Evangelischen Akademie Frankfurt betonte. Wieso?

An irgendwas glauben wir immer. | Foto: John Tyson/unsplash.com
An irgendwas glauben wir immer. | Foto: John Tyson/unsplash.com

Glauben aus religionssoziologischer Perspektive anzugehen, mutet emotionslos an. Da ist die Rede von Prozessen der Schwächung von Religion, von theoretischen Bedingungen des Glaubens, von empirischen Berechnungen gesellschaftlicher Auswirkungen religiöser Zusammenhänge.

Der christliche Glaube unterliegt Ups and Downs. Das ist Fakt. Das ganze Religionsding bewegt sich, nimmt man eine Zeitleiste über mehrere hundert Jahre, in Spektren von Mystik und Magie, einem Kampf dagegen mit anschließender Revitalisierung und immer so weiter.

Philosophen, Soziologinnen, Theologen üben sich in Erklärungen, woran das liegen mag. Vielleicht daran, dass Christ*innen dem ständigen Drang unterliegen, ihrem Glauben eine Wahrhaftigkeit zu unterstellen, um die gewonnenen Glaubensinhalte dann, nach dem Bibelstudium, in sich zusammenfallen zu sehen (Friedrich Nietzsche). Oder an den beobachteten Säkularisierungsprozessen (Max Weber), also einer drastischen Abschwächung des Glaubens. An der Entmystifizierung, verursacht durch wissenschaftlichen, technischen und kapitalistischen Fortschritt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Glaube schlicht eine kalkulierbare Option ist (Charles Tylor), zu der es eben auch noch andere Optionen gibt.

Es gab Zeiten, da war man einfach religiös. Ob man wollte oder nicht. Ob echt oder unecht. Es gehörte einfach dazu. Taufe, Kommunion, Konfirmation. Keine Frage. Religiöse Sozialisation nennen das Religionssoziologen. Heute, im 21. Jahrhundert und in Deutschland, ist das anders. Heute ist die Rede von einer Individualisierung des Glaubens. Oder einem Milieuglauben, wie Hans Joas sagt.

Das Nichtgläubigsein ist heute normal und total easy. Niemand fragt mehr ab, ob man evangelisch oder katholisch ist. Ganz im Gegenteil: Outet man sich als seine Kinder taufende Eltern, wird man investigativ nach den Beweggründen ausgefragt. Oder beim Austausch über die Steuererklärung, warum man überhaupt Kirchensteuern zahlt. Religionssoziologisch befinden wir uns quasi in einem Tief. Oder steckt nur die Institution Kirche in der Legitimationskrise, nicht aber der Glaube an sich?

„Wir brauchen Religion. Die Frage ist nur, wozu“, sagte Jürgen Habermas: Die Philosophie weise darauf hin, dass der vermeintliche Triumph säkularen Denkens ein Missverständnis ist. Dass wir in einer durchaus religiösen Gesellschaft leben, nur eben nicht in einer vom Christentum geprägten. Auch Hans Joas bezweifelt, dass unsere Gesellschaft immer säkularer werde. Er beobachtet im Gegenteil ein globales Erstarken des Christentums und verweist auf die USA, die trotz wissenschaftlichen, technischen und kapitalistischen Fortschritts eine durchaus religiöse Gesellschaft geblieben ist.

Reduzieren wir Glauben auf die Umschreibung eines Gefühls, ist er, ganz ehrlich, unvermeidlich. Dieses Gefühl, empfunden in Gesprächen mit Gott, in mystischen Zusammenhängen, in ekstatischen Zuständen oder bei was auch immer, kann warm und kalt sein. Es kann uns schaudern lassen, zum Weinen bringen, uns mit Glück überschwemmen. Es kann uns berauschen und beflügeln. Es kann uns aber auch lähmen und untätig machen.

Glaube, dieses intensive Gefühl, packt uns. Nicht an der Ratio, nein. Auf einer Bewusstseinsebene, auf der wir nach dem Sinn suchen. Wo sich all die Fragen sammeln, auf die wir nicht immer sofort oder vielleicht auch nie Antworten finden. Glauben, das Gefühl, tummelt sich genau dort. Unser Glaube begleitet unsere Sinnsuche und lässt uns nicht verzweifeln. Er gibt uns Tipps zur Beantwortung von komplexen oder trivialen Fragen. Er betäubt uns auch mal, wenn es gar zu kompliziert wird. Stets hilft er uns aber, zuversichtlich zu bleiben. Glauben ist einfach unvermeidlich. Denn Gefühle sind immer da.


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Angela Wolf 61 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte. Hauptberuflich ist als Referentin bei der LAG Soziale Brennpunkte Hessen e.V. unterwegs. Freiberuflich schreibt sie außerdem noch für ZEIT Online.