Gott & Glauben

Warum man Gott nicht zu schnell verstehen darf

Wenn gläubige und atheistische Menschen miteinander streiten, reden sie häufig aneinander vorbei – und nicht nur die mit den Platitüden, sondern auch die, die sich gegenseitig ernst nehmen und respektieren. Thorsten Latzel, Direktor der Evangelischen Akademie Frankfurt, hat eine Idee, woran das liegen könnte.

Dr. Thorsten Latzel ist Pfarrer und Direktor der Evangelischen Akademie Frankfurt.
Dr. Thorsten Latzel ist Pfarrer und Direktor der Evangelischen Akademie Frankfurt.

Wenn Gläubige und Atheisten streiten, dann frage ich mich oft, auf wessen Seite dabei eigentlich Gott stehen mag.

Ich spreche hier nicht von solchen Gesprächen, wo man den Eindruck hat: „Heute boxt Unverstand mit Dummheit“. Nein, der Fund eines antiken morschen Brettes am Berge Ararat ist noch kein Beleg dafür, dass die Bibel doch recht hat. Und umgekehrt taugen Dinosaurier ebenso wenig für die Widerlegung des Glaubens an Gott. Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie lassen sich sehr gut miteinander verbinden. Und das Verhältnis von historischen und erzählerischen Wahrheiten in den alten Glaubensgeschichten (wie zum Beispiel bei der Sintflut) ist etwas komplexer. Solche Gespräche sind schlicht schief, weil man auf beiden Seiten rein gedanklich weiter sein könnte und die eigentlichen „crucial points“ gar nicht erreicht.

Es geht mir vielmehr um die tiefergehenden, gehaltvollen Gespräche zwischen Gläubigen und Atheisten. Um solche Gespräche, bei denen sich beide darauf einlassen, von dem zu reden, was sie selbst unbedingt angeht, was sie persönlich betrifft, was Halt und Hoffnung für sie ist. Für ihr Leben und ihr Sterben.

Auch hier scheinen mir die „Fronten“ nicht so klar zu sein, wie es oft erscheint. Die Gefahr bei „uns Gläubigen“ ist, dass wir Gott allzu oft, allzu schnell und allzu gut verstehen. Gleichsam besser als Gott sich selbst. Jesus Christus selbst stirbt am Kreuz, dem Symbol christlichen Glaubens, mit dem Schrei der Gottverlassenheit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Markus 16,34; Matthäus 27,46). Das sollte uns vor einer „vor-frommen“ Vereinnahmung Gottes wider dessen Willen bewahren.

Ein Theater-Intendant fragte neulich bei einem öffentlichen Gespräch kritisch an, wo eigentlich die Ambivalenzen in den christlichen Gottesdiensten blieben. Ob die Spannungen nicht (anders als im Theater) immer schon aufgelöst, harmonisiert wären. Wir sind eben alle immer schon irgendwie angenommen.

Wir rücken Gott allzu nahe. Verduzen uns mit dem Unbegreiflichen. Und werden weder Gott noch uns noch die Welt in ihrer tiefen Paradoxalität, ihrer Widersprüchlichkeit gerecht. In der ZEIT-Beilage „Christ & Welt“ gibt es die Kolumne „Der Atheist, der was vermisst“. Doch was sollte das für ein Glauben sein, der in dieser Welt, wie sie ist, nicht „etwas vermissen“ würden? Der nicht Gott vermissen würde?

Umgekehrt ist die Gefahr bei den Atheisten, dass sie eben auch Gott allzu oft, allzu schnell und allzu gut verstehen. Oder eben gerade nicht verstehen. Also mit umgekehrten Verstehens-Vorzeichen, aber gleichem Ergebnis: nämlich, mit Gott fertig zu sein.

Ich kann es gut verstehen, dass Menschen nicht an Gott glauben. Ich kann aber nicht verstehen, wenn einem dann nichts fehlt. Die vielen Fragen angesichts dessen, dass wir überhaupt sind, dass wir einmal nicht mehr sein werden und dass die Welt, das Leben und wir so sind, wie sie sind. Die Frage, was mit all dem Leid und der Liebe einmal sein wird, die wir in diesem Leben erfahren haben. Und die wir anderen beigefügt haben. Das Verzaubert-Sein angesichts der Schönheit der Welt und der Menschen. Das Verzweifelt-Sein angesichts der Scheußlichkeit von beiden. So wie Zweifel, Anfechtung Teil wahrhaftigen Glaubens sind, so sind umgekehrt Sehnen, Hoffnung nach dem „großen Vielleicht“ Teil wahrhaftigen Atheismus. Oder eben auch das tiefe Leiden daran, dass es Gott nicht gibt.

An der Bibel wird ja mitunter kritisiert, dass sie widersprüchlich sei. Gott sei Dank ist sie es. Wie sollte sie auch nicht voller Ambivalenzen, Brüche, Spannungen sein, wenn sie die Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt? In Geschichten aus rund 1.200 Jahren.

Von Martin Walser stammt der schöne Begriff „Selbstwiderspruch-Ernst“. In den Psalmen etwa wird Gott wegen seines Schweigens, seiner Ferne, seines Fehlens auf das heftigste angegangen, herausgefordert, angezweifelt. Um ihn dann im nächsten Vers zu loben, zu preisen und zu danken. Oder Hiob. Er ruft im Streit mit seinen frommen Freunden Gott gegen Gott an. Und es sind die allzu gott-gewissen Theologen und Religionsexperten seiner Zeit, mit denen Jesus in den überlieferten Streitgesprächen immer wieder aneinander gerät.

Zum Glauben an den Gekreuzigten gehört die tiefe, anfechtende Erfahrung der Unfähigkeit, ja der Unmöglichkeit zu glauben. Der Leere, der Ferne, des Fehlens Gottes. Es ist nicht das letzte Wort, das hier zu sagen ist. Aber nur, indem es auch gesagt wird, ist der Glaube an die Liebe Gottes in dieser schönen und schrecklichen Welt wahrhaftig zu bewahren.

Ein in diesem Sinne „selbst-widersprüchlicher“ Glaube ist nicht absurd, unvernünftig, inkonsistent. Aber er ist notwendig paradox, unfertig, voller Anfechtung, Spannung und Zweifel. Er trägt den anderen, den Unglauben, immer auch in sich. Das verleiht den Gesprächen zwischen Gläubigen und Atheisten eine neue Qualität. Eine Tiefe der Begegnung, in der die Fronten nicht mehr so klar sind. In der Gott - angesichts der grausamen Wirklichkeit von Leid und Gewalt - vielleicht von seinen Bestreitern zweifelnd, kritisch, ungläubig besser verstanden wird als von seinen Verfechtern.

Oder wie es eine Bekannte einmal gesagt hat: „Wenn meine Freunde Gott für die gefundene Parklücke beim Einkaufen danken - wie soll ich Gottes Handeln begreifen, wenn gleichzeitig Flüchtlinge, Frauen, Kinder im Meer ertrinken?“

Nein, ich glaube dem Atheismus nicht einfach seine Gottlosigkeit, so wie ich an der Gott-Sicherheit des Glaubens zweifle. Wir sollen uns kein Bildnis von Gott machen (Ex 20,4). Weil er ein Geschehen allumfassender, schöpferischer, versöhnender, verändernder Liebe ist. Weil es zum Wesen dieser Liebe gehört, sich seiner selbst zu entäußern, sich für uns klein zu machen, sich unter seinem Gegenteil zu verbergen. Und weil ich von dieser Liebe eben nicht wahrhaft reden kann, ohne selbst von ihr verändert zu werden.

Darum: Lass uns aufs Neue um Gottes und um des Menschen willen anfangen zu streiten.


Autorin

Gastautor*in 6 Artikel

Regelmäßig veröffentlichen wir im EFO-Magazin Gastbeiträge von Frankfurter und Offenbacher Pfarrerinnen und Pfarrern oder anderen interessanten Persönlichkeiten.

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