Gott & Glauben

Wie geht barmherzig sein?

Mit offenem Herzen hinsehen, Leid erkennen, beherzt eingreifen, handeln: Die diesjährige Jahreslosung der Kirchen in Deutschland nimmt einen aus der Mode gekommenen Begriff in den Blick und erinnert damit an eine alte Tugend: Barmherzigkeit.

Foto: Angela Wolf
Foto: Angela Wolf

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Diese Aufforderung Jesu aus dem Lukasevangelium, Kapitel 6, Vers 36, ist die diesjährige Jahreslosung der christlichen Kirchen in Deutschland. Barmherzigkeit öffnet den Blick für Leid und Not und veranlasst, etwas zu tun.

Dabei ist Barmherzigkeit mehr als ein religiöser Begriff. Es ist eine Charaktereigenschaft, fest im Menschsein verwurzelt. Auch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter berichtet davon, einer der zentralen Texte des Neuen Testaments. Es erzählt von einem Mann, der auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho ausgeraubt und schwer verletzt zurückgelassen wird. Ein vorbeikommender Priester hilft ihm nicht, ebensowenig ein Levid. Erst der Samariter erbarmt sich, versorgt den Mann und bringt ihn in eine Herberge, zahlt für die weitere Pflege und verspricht seine Rückkehr, um weitere Kosten zu erstatten.

Barmherzigkeit ist nicht nur im Christentum, sondern in allen drei monotheistischen Religionen zentral. Sowohl im Christentum, als auch im Judentum und im Islam beschreibt Barmherzigkeit das Wesen Gottes. Weil Gott barmherzig ist, sollen es auch die Gläubigen sein. Es ist eine Handlungsanweisung.

Der Frankfurter Imam Mohammed Naved Johari übersetzt aus dem Koran: „Der Muslim, dessen Nachbar hungert, er sich jedoch satt schlafen legt, ist kein guter Muslim.“ Diese Zuspitzung soll aber nicht so sehr Menschen, die anderen Hilfe verweigern, moralisch verurteilen. Vielmehr geht es darum, Fragen aufzuwerfen: Wie kommt es, dass Menschen nicht helfen? Wie würde ich handeln?

Wer glaubt, erlebt die Barmherzigkeit Gottes. Unverdient. Allein aus Gnade. Ohne eigenes Zutun. Dies soll zur Nachahmung anregen. Avichai Apel, Rabbi der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, sagt: „Gott ist barmherzig. Unsere Aufgabe ist es, dass wir etwas davon lernen. Dass wir die gleichen Fähigkeiten und Tugenden entwickeln. Wir werden nie Gott sein, aber wir können uns verbessern.“ Der religiöse Appell zur Barmherzigkeit soll eine Art Wesensveränderung beschreiben, die über reinen Aktionismus hinausgeht.

Die Zitate stammen aus dem sehr hörenswerten Podcast "Erbarmt euch. Wie Barmherzigkeit Juden, Christen und Muslime eint" von Uwe Birnstein. Er ist in der Reihe "Camino" erschienen und kann in der hr-Mediathek nachgehört werden. (Link zum Podcast).


Autorin

Angela Wolf 72 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte. Hauptberuflich ist als Referentin bei der LAG Soziale Brennpunkte Hessen e.V. unterwegs. Freiberuflich schreibt sie außerdem noch für ZEIT Online.

0 Kommentare

Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare verfasst. Schreiben Sie doch den ersten.

Artikel kommentieren

Wir freuen uns, wenn unsere Beiträge zu Diskussion und Austausch beitragen. Dabei bitten wir, auf angemessene Umgangsformen zu achten und die Meinung anderer zu respektieren. Bei Verstößen gegen unsere Netiquette-Regeln behalten wir uns vor, Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Mit * markierte Felder sind Pflichtfelder.