Gott & Glauben

Woher wissen wir, was Gott von uns will? Aus der Bibel, vom Papst, oder aus der Tradition?

Vor 500 Jahren hat sich das Christentum in Europa heillos zerstritten. Warum eigentlich? In unserer Serie erläutern der evangelische und der katholische Stadtdekan von Frankfurt die zentralen Standpunkte ihrer jeweiligen Konfession.

Zwischen den Konfessionen gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, wie sich Gottes Wille den Menschen offenbart. Illustration: Sandra Haselsteiner
Zwischen den Konfessionen gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, wie sich Gottes Wille den Menschen offenbart. Illustration: Sandra Haselsteiner

Woher wissen wir, was Gott von uns will? Aus der Bibel, vom Papst, oder aus der Tradition?

Achim Knecht, evangelischer Stadtdekan von Frankfurt: 

Aus dem Lesen der Bibel können wir bereits Wesentliches von dem wissen, was Gott von uns will: „Du sollst nicht töten“ oder „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Das eigene Gewissen spielt ebenfalls eine Rolle, sofern es in der Auseinandersetzung mit der biblischen Überlieferung geschult ist – denn das Gewissen fällt ja nicht vom Himmel, sondern es entsteht in der Auseinandersetzung mit Vorbildern, mit ethischen Prägungen. Dazu kommt dann manchmal ein „inneres Zeugnis des Heiligen Geistes“, wie es in der theologischen Tradition heißt. Man kann ja vieles gelesen und bedacht haben, aber manchmal kommt man an einen Punkt, wo man ganz sicher weiß: Das muss ich jetzt tun. Oder: Das müsste ich jetzt eigentlich tun. Ein weiterer Faktor ist das Gespräch mit den Brüdern und Schwestern im Glauben, also die Verständigung in einem Diskurs. Dabei kommt dann auch der Papst ins Spiel, der ja ein herausragender Bruder im Glauben ist, der jetzige allzumal. Auch wir Evangelische können vom Hören auf den Papst etwas von Gottes Willen erfahren. Genauso können wir das allerdings, indem wir uns mit dem Votum eines ganz normalen Gemeindemitgliedes auseinandersetzen, je nach Situation. Und schließlich ist da noch die Vernunft. Martin Luther hat vor dem Reichstag zu Worms gesagt, er könne seine Thesen nicht widerrufen, wenn er nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde. Das ist eine Schlüsselszene der Refor-mation. Was Gott von uns will, ist nicht unvernünftig. Auch wenn es durchaus mal vorkommen kann, dass der Wille Gottes uns unvernünftig erscheint, denn es geht dabei ja auch um Liebe oder um Barmherzigkeit, und die sind halt nicht immer vernünftig, sondern manchmal herrlich unvernünftig. Die Vernunft ist nicht per se ein Maßstab. Aber sie ist eben doch ein hilfreiches Korrektiv, zum Beispiel gegen religiöse Wahnvorstellungen.

Johannes zu Eltz, katholischer Stadtdekan von Frankfurt: 

Alle drei Elemente kommen zusammen, denke ich. Um gleich mit dem strittigsten anzufangen: Eine so charismatische und erstaunliche Gestalt wie Papst Franziskus wird selbst Evangelische dazu bringen, auf den Papst, der in Ausübung seines Amtes spricht, zu hören, und auf diese Weise ihren eigenen Glauben zu bestärken – sicher kritisch, in Zustimmung oder Widerspruch. Das Lesen in der Bibel allein genügt ja nicht. Denn wenn das Wort, das wir lesen oder das uns vorgetragen wird, sich nicht durch den Glauben mit dem Hörer verbindet, so sagt es der Autor des Hebräerbriefes, bleibt es wirkungslos. Und auch die Gemeinschaft derer, die die Bibel sozu-sagen auf den Knien ehrfürchtig und gläubig lesen – und das würde ich Tradition nennen – ist für uns nicht verzichtbar. Denn sonst versteinern wir das Schriftzeugnis. Wohin das führen kann, können wir in den weniger erleuchteten Formen des Islam sehen. Jeder Mensch, egal ob er evangelisch oder katholisch ist oder anders oder gar nicht glaubt, ist imstande, in seinem Inneren Gott selbst, der durch die Stimme des Gewissens mit ihm spricht, zu hören. Das ist katholische Lehre seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Die Bibel bleibt unersetzbar in der Mitte, weil sie uns Gottes Wort in der Weise bietet, wie andere Menschen, mit denen wir uns identifizieren können, auf Gott gehört haben. Darüber geht gar nichts. Wenn es zu Widersprüchen oder offenen Fragen kommt, so hat Thomas von Aquin, der große Lehrer des Hochmittelalters, auch für alle Katholiken festgehalten, dass der Christ im Zweifelsfall unbedingt seinem Gewissen verpflichtet ist, nur eben nicht unberaten und nicht ungeprüft. Aber er muss in jedem Fall das tun, was er in seinem Inneren als Willen Gottes erkennt. Wenn das, was er erkennt, ein Irrtum ist, er über diesen Irrtum aber nicht mit eigenen Mitteln hinwegkommt, ist der Christ trotzdem seinem Gewissen verpflichtet, auch dem irrigen.


Autorin

Antje Schrupp 151 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com