Gott & Glauben

Wolf Biermann atmet christliche Luft

Kurz vor seinem 85. Geburtstag kommt von Wolf Biermann ein Sammelband mit Gedichten und Texten, die sich mit seinem Ungläubigsein auseinandersetzen. „Mensch Gott!“ ist eine Zeitreise durch Biermanns biografisches Ringen mit Gott, dem Glauben und dem Zwang, sich mit dem Christen- und Judentum auseinanderzusetzen.

Wolf Biermann war während der Frankfurter Buchmesse zu einer Lesung in der Sankt Katharinenkirche an der Hauptwache zu Gast |
Wolf Biermann war während der Frankfurter Buchmesse zu einer Lesung in der Sankt Katharinenkirche an der Hauptwache zu Gast | Bild: Angela Wolf

Wolf Biermann widerspricht der Anmoderation in der Katharinenkirche an diesem Abend, er sei jetzt, in fortgeschrittenem Alter, noch fromm geworden. Ganz im Gegenteil, fromm sei er schon immer gewesen. „Ein frommer Bolschewist“ nämlich. Das mache einen großen Unterschied. Auch an den Heiligen Geist glaube er. Diesen nämlich verkörpert sein Vater Dagobert Biermann, 1943 als Jude und Kommunist von den Nationalsozialisten in Auschwitz ermordet.

Biermann ist ein bekannter Kopf: Dissident, radikaler Kritiker, Provokateur, politischer Liedermacher, Lyriker, Essayist und genialer Rhetoriker. Im kirchlich-religiösen Spektrum dagegen tauchte er in der Vergangenheit allerdings wenig auf. Mal abgesehen von der Tatsache, dass sein Lied „Ermutigung“ Einzug in das offizielle Gesangbuch der Schwedischen Kirche gehalten hat, hielt Biermann es jeher mit Marx: „Religion ist Opium für das Volk!“

Zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse wartet Biermann mit einem neuen Titel auf: „Mensch Gott!“ versammelt bekannte und unbekanntere Gedichte und Texte aus einem nun fünf Jahrzehnte währenden Disput Biermanns, dem Ungläubigen, mit Gott, den Gläubigen, dem Christen- und Judentum. „In diesem Buch plaudere ich nur aus, was man schon wissen kann.“ Klar ist also, dass Biermann-Kenner und vorrangig die, die seine Biografie lasen, in dem Buch keine neuen Erkenntnisse zu seiner Beziehung oder Nichtbeziehung mit Gott, Jesus und dem Glauben erfahren.

Unterteilt wird der Band in sechs Rubriken: "Zwischen Hoffnung und Melancholie", "Gebenedeit", "Ich glaube an Gott", "Holy Sonnet", "Ich hatte viel Bekümmernis" und "Auferstehung". In jede führt Wolf Biermann mit gewohnt pointierten und geistreichen Texten ein, die unmissverständlich autobiographische Bezüge haben. Mit „Mensch Gott!“ ist Wolf Biermann anders, nicht aber widersprüchlich zu entdecken. Vielleicht als einen unerschütterlich Glaubenden, als einen überzeugten Lutheraner, als einen, der seinen Glauben als „verrückt“ beschreibt: „Mein Glaube ist verrückter als eurer an Gott oder Götter. Ich glaube nämlich an den Menschen! Damit mache ich mich keineswegs lustig über euch. Ich bin Teil der christlichen und jüdischen Kultur. Ich atme eure Luft.“

Wolf Biermann
Mensch Gott!
Bibliothek Suhrkamp 1523


Autorin

Angela Wolf 78 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte.

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