Gott & Glauben

Mit Frau Kirch in die Kirche (2): Tolle Musik, aber zu viele große Worte

Wie kommen die Angebote der Kirche bei Menschen an, die nicht zum engeren Kreis der Gemeinde gehören? Das erkunden wir in der Reihe „Mit Frau Kirch in die Kirche“. Diesmal nahm unsere Autorin Silke Kirch den Gewerkschafts-Angestellten Lukas H. mit in einen Kantatengottesdienst.

Lukas H. lebt seit drei Jahren in Offenbach. Er ist Anfang 30 und arbeitet für eine Gewerkschaft. | Foto: Andrea Kreisel
Lukas H. lebt seit drei Jahren in Offenbach. Er ist Anfang 30 und arbeitet für eine Gewerkschaft. | Foto: Andrea Kreisel

Mit Lukas wollte ich mich eigentlich nur zu einer einer Mittagsandacht verabreden, weil das aber zeitlich nicht klappte, erklärt er sich bereit, mit mir einen Gottesdienst zu besuchen. In der Katharinenkirche an der Hauptwache ist das diesmal ein Kantatengottesdienst mit Abendmahl. Ziemlich viel für einen, der ansonsten eher nur an Weihnachten in die Kirche geht, denke ich.

Lukas ist mit dem Fahrrad aus Offenbach gekommen. Er sitzt im Schneidersitz auf einem der Poller vor der Kirche in der Sonne, als ich kurz vor zehn eintreffe. Dass der Gottesdienst mit viel Musik und Gesang beginnt, gefällt ihm. Musik sei auch immer das gewesen, was seine Mutter in die Kirche gezogen habe – abgesehen von dem Interesse an den Gebäuden selbst. Auf Urlaubsreisen Kirchen zu besichtigen ist in seiner Familie gute Gewohnheit. Während eines längeren Aufenthalts in Ecuador, so erzählt er, habe er sich viele Dorfkirchen angeschaut.

Skepsis – so nimmt er vorweg – hat er in Bezug auf Predigten. Da hat er vor allem ungute Erinnerungen. Tatsächlich kann er der Predigt an diesem Tag wenig abgewinnen. Zu viele große Worte. Zu abgehoben, zu ausschließlich an Gläubige gerichtet, findet Lukas. Da kann er innerlich nicht andocken, und das Gefühl kennt er aus seiner Kindheit. Obgleich er es mittlerweile sehr schätzt, wenn sein Großvater, der Pfarrer ist, bei Familienfeiern eine kleine Rede hält.

Zu hören, was die Älteren zu sagen haben, das ist für ihn in diesem Rahmen spannend und bereichernd. Christliche Werte spielen dabei eine Rolle, die Kirche als Institution ist für ihn weniger relevant. Er würde aber auch nicht aus der Kirche austreten, sagt er, weil sie doch viel Gutes tue in der Gesellschaft. Und an das Gute im Menschen zu glauben, das findet er wichtig.

Deshalb gefällt ihm auch das Fürbittengebet, wenngleich er nicht einsieht, warum es sich nur an „Christen und Christinnen“ und nicht an alle Menschen richtet. Auch Beichte und Vergebung kann Lukas etwas abgewinnen – für ein lebensfrohes Leben sind für ihn Vergeben und Verzeihen unabdingbar. Ob es dabei dann um Gott geht, diese Frage bewegt ihn weniger.

Kantatengottesdienste mit viel Musik gibt es vor allem in Gemeinden mit kirchenmusikalischem Schwerpunkt. In der Katharinenkirche an der Hauptwache finden sie an großen Festen statt, der nächste am Pfingstsonntag, 9. Juni, um 10 Uhr. Auch in der Dreikönigskirche am Sachsenhäuser Ufer gibt es vier- oder fünfmal im Jahr einen Kantatengottesdienst, den nächsten am Sonntag, 16. Juni, um 10 Uhr.


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Silke Kirch 27 Artikel

Dr. Silke Kirch studierte Germanistik, Kunstpädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main und ist freie Autorin und Redakteurin.

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