Kunst & Kultur

Anfänge im Forsthaus: Die Evangelische Akademie Frankfurt feierte 75-Jahr-Jubiläum

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Die Evangelische Akademie Frankfurt am Main hat am 25. Juni ihr 75-jähriges Bestehen gefeiert. Als Geburtsstunde gilt das Seminar „Freier Herr - dienstbarer Knecht aller Dinge: das christliche Erziehungsziel“, das am 23. und 24. Februar 1946 in Echzell im Wetteraukreis stattfand. Nach mehreren Zwischenstationen ist sie heute am Frankfurter Römerberg beheimatet.

Seit 2017 frisch renoviert und mit schicker Glasfassade: Die Evangelische Akademie Frankfurt am Römerberg. | Foto: Antje Schrupp
Seit 2017 frisch renoviert und mit schicker Glasfassade: Die Evangelische Akademie Frankfurt am Römerberg. | Foto: Antje Schrupp

Seit Sommer 2017 residiert die Evangelische Akademie Frankfurt am Main in einem markanten Glasbau am Römerberg, im Herzen der Stadt. Im Vor-Corona-Jahr 2019 begrüßten der Direktor Thorsten Latzel und seine sechs Kolleginnen und Kollegen in Frankfurt und in ihrer Dependance, dem Niemöller-Haus in Schmitten im Taunus, rund 13.500 Gäste in 171 Veranstaltungen.

Angefangen hat die evangelische Bildungsarbeit in der Rhein-Main-Region vor 75 Jahren aber sehr viel kleiner und bescheidener – zwar nicht in einer Krippe, aber in einem Forsthaus. Als Geburtsstunde gilt das Seminar „Freier Herr – dienstbarer Knecht aller Dinge: das christliche Erziehungsziel“, das am 23. und 24. Februar 1946 im ehemaligen Internat Dr. Lucius im Forsthaus bei Echzell (Wetteraukreis) mit acht Teilnehmern stattfand. Im Einladungsschreiben baten die Veranstalter, „außer den notwendigen Lebensmittelmarken den Brotaufstrich selbst mitzubringen, außerdem möglichst eine bis zwei Decken zusätzlich“.

Die „Evangelische Akademie Nassau-Hessen“ war die zweite in Deutschland nach Bad Boll, die nur wenige Wochen vorher an den Start gegangen war. Ihr Wegbereiter war der Leiter des Evangelischen Männerwerks und spätere Wiesbadener Propst Ernst zur Nieden (1903-1974). Schon im ersten Jahr gab es fünf Tagungen für Erzieher, drei für Juristen, zwei für Ärzte, zwei für Sozialwissenschaftler und je eine für Künstler, Ingenieure, Pfarrer und für Studenten sowie eine „Theologische Woche für gebildete Laien“.

Nach Gründung der „Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau“ im Jahr 1947 änderte auch die Akademie ihren Namen in „von Hessen und Nassau“. Bis März 1949 blieb das Forsthaus Echzell ihr Domizil, als Tagungsorte dienten unter anderem auch das Pfarrhaus zur Niedens in Offenbach und das SpessartSanatorium in Bad Orb. Von 1951 bis 1954 war die Akademie in Schloss Assenheim in der Wetterau untergebracht. Schließlich bezog sie im Sommer 1954 einen Neubau im Schmittener Ortsteil Arnoldshain.

Bis zur Fusion mit der Frankfurter Stadtakademie „Römer9“ im Jahr 2012 wurde die Tagungsstätte als „Evangelische Akademie Arnoldshain“ zu einem Markenzeichen. In der Anfangszeit standen in dem nach Kirchenpräsident Martin Niemöller (1892-1984) benannten Haus Erziehungsfragen im Zentrum. Später rückten Themen wie die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und die Aussöhnung mit den osteuropäischen Nachbarn in den Focus. In Arnoldshain entstanden unter anderem die Grundzüge der Ostdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland und des Antirassismusprogramms des Weltkirchenrats.

„Die Akademie Arnoldshain hatte von Beginn an den Ruf, die Politik kritisch zu begleiten“, erläutert der frühere Direktor Hermann Düringer. Sie habe sich einem „protestantischen Wächteramt“ verpflichtet gefühlt und mit der Berufung von Leonore Siegele-Wenschkewitz als erster Frau im Direktorenamt und mit Doron Kiesel als erstem jüdischen Studienleiter auch bundesweit Wegmarken gesetzt.

Alle Direktoren rammten ihre eigenen thematischen Pflöcke ein. Der Pädagoge und Gründungsdirektor Hans Kallenbach, der bis 1972 amtierte, förderte die evangelische Filmarbeit und das christlich-jüdische Gespräch. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP ab 1937 und seine Zeit als Dozent in der Lehrerinnenbildungsanstalt Hirschberg im Riesengebirge ab 1941 blieben erstaunlicherweise unerwähnt. Der Theologe und spätere Präsident des Internationalen Rates der Christen und Juden, Martin Stöhr (1972-1986), erhob seine Stimme gegen christliche Judenfeindschaft und Aufrüstung. Der Jurist Jens Harms (1986-1989) forcierte Wirtschafts- und Rechtsthemen, der Politologe Bernhard Moltmann (1990- 1996) die Friedensforschung und Siegele-Wenschkewitz (1996-1999) die Feministische Theologie.

Dem Theologen Düringer lagen vor allem die Aufarbeitung der kirchlichen Verstrickungen in der NS-Zeit sowie die Aussöhnung mit Polen am Herzen. Und er managte den Umbau und die Sanierung des Niemöller-Hauses 2011/ 12 sowie zusammen mit der damaligen Leiterin Ute Knie die Fusion mit der Frankfurter Stadtakademie. Auch der Theologe Thorsten Latzel, der von 2013 bis zum Frühjahr dieses Jahres Direktor war, stand vor einem Berg von Herausforderungen. Vor allem der Umbau des alten Frankfurter Akademiegebäudes forderte seine ganze Kraft. Gleichwohl kamen nach und nach neue Veranstaltungsformate wie ein Stipendienprogramm für junge Erwachsene und ein Theologie-Slam hinzu. Zuletzt fanden seine „Theologischen Impulse“ zu Themen der Bibel und zur Corona-Pandemie großen Anklang.

Internet: www.evangelische-akademie.de


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