Kunst & Kultur

Antifaschistisches Manifest: „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers

Das Lesefest „Frankfurt liest ein Buch“ dreht sich in diesem Jahr um Anna Seghers Roman „Das siebte Kreuz.“ Vom 16. bis 29. April gibt es dazu eine Reihe von Veranstaltungen. Unsere Redakteurin Angela Wolf hat das Buch aus diesem Anlass wieder gelesen und findet, es ist eine treffende Wahl für aktuelle Zeiten.

Angela Wolf ist Mitglied in der Redaktion von Evangelisches Frankfurt. | Foto: Rolf Oeser
Angela Wolf ist Mitglied in der Redaktion von Evangelisches Frankfurt. | Foto: Rolf Oeser

Das Lesefest „Frankfurt liest ein Buch“ dreht sich in diesem Jahr um Anna Seghers Roman „Das siebte Kreuz.“ Vom 16. bis 29. April gibt es dazu eine Reihe von Veranstaltungen. Unsere Redakteurin Angela Wolf hat das Buch aus diesem Anlass wieder gelesen und findet, es ist eine treffende Wahl für aktuelle Zeiten.

Einst gelesen als Schullektüre kramte ich aus gegebenem Anlass den Roman von Anna Seghers wieder aus dem Bücherregal. Verstaubt, vergilbt und etwas romantisch kommt er daher, der Bucheinband meiner Auflage.

Ausgewählt als ein „vergessenes Buch der Region“, das nach gemeinschaftlichem Lesen zu Diskussion und Gespräch einladen und aufrufen soll, ist die Geschichte von sieben fliehenden KZ-Häftlingen auch für die heutige Zeit ein überaus gut geeigneter Stoff. Die Erzählerin beschreibt die Verhältnisse von Macht und menschenverachtender Repression, von opportunen Mitläufern, von eingeschüchterten Nichtswisserinnen und von überzeugten Zivilcouragisten.

Im Mittelpunkt steht die Flucht des Georg Heisler aus dem Lager in Westhofen über Mainz, Höchst, Niederrad, Bockenheim, die Frankfurter Innenstadt, die Riederwaldsiedlung, wieder über Mainz letztlich bis in die Niederlande. Auffällig ist, dass mit all seinen Protagonisten eine gesamtgesellschaftliche Hintergrundfärbung geschaffen werden soll, die das Buch und damit seine Erzählung derart allumfassend und glaubwürdig werden lässt.

Ein Zeitzeugenbericht der besonderen Art und Gänsehautgarantie. Und die Message? Geschafft hat es Heisler seiner kommunistischen Überzeugung wegen. Weil er an die Gemeinschaft glaubte. An den Verbund mit anderen. In bester Manier von Zivilcourage nämlich haben ihn früherer Kommunisten-Freunde auf seiner Flucht unterstützt und geschützt. Sie haben ihn versteckt, ihn mit Papieren ausgestattet, ihn verpflegt und angekleidet. Und letztendlich die Überfahrt in die rettenden Niederlande ermöglicht.

Auch wenn Anna Seghers wegen ihrer späteren Rolle als Funktionärin in der DDR eine umstrittene Person ist, sollte man ihr ein kommunistisches Zeugnis par excellence ausstellen. Sie kämpfte für ihre Überzeugung und die ihrer Mitdenkerinnen und -streiter und gegen ein Regime, das es nie mehr geben darf.

Liest man das Buch heute, darf es eine Mahnung sein. Bei all den rechtspopulistischen Ideen und Kräften, die sich sogar wieder Zutritt in ein deutsches Parlament verschafft haben, sollten wir uns auf unsere humanitären Werte rückbesinnen und neu konzentrieren. Wir sollten uns kümmern – um unseren Nachbarn, um unsere Freundin, um eine Familie aus der Klasse unserer Kinder, wo der Schuh an allen Stellen drückt.

Und dabei darf niemals die Frage nach Herkunft, Rasse, Hautfarbe oder sonst einem Quatsch gestellt werden. Vor dem deutschen Grundgesetzt sind wir alle gleich. Und niemandes Würde ist antastbar. Alle und niemand: Das ist inklusiv.

Das deutsche Grundgesetz wurde nicht aus Zufall genau so formuliert. Es wurde so formuliert, weil es uns vor uns selbst schützen soll. Und begegnet man als Mensch anderen Menschen, dann wird es leichter. Und in diesem Gedanken sind Dinge wie Konzentrationslager, Massenmord, Menschenversuche, Vergewaltigungen, Folter – alles Teile des gelebten Nationalsozialismus – nicht vorgesehen.


Autorin

Angela Wolf 76 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte.

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