Kunst & Kultur

Blut: Symbol des Lebens, Symbol des Leidens

Warum sind Ampeln und Stoppschilder rot? Weil die Farbe Gefahr signalisiert, zur Vorsicht mahnt. Rot sind andererseits auch die Rosen, die für Liebe und Leidenschaft stehen. Rot wie Blut, heißt es. Diese gleichermaßen faszinierende wie erschreckende Flüssigkeit hat eine symbolische Kraft wie kaum ein anderer Stoff. 

Foto: Fotolia.com
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Blut ist ein Stoff, der wie kein anderer für gut und schlecht, Leben und Leiden, Heilung und Krankheit gleichermaßen steht. Das gilt für die Medizin, wo Bluttransfusionen Leben retten, andererseits aber das Blut auch Einfallstor für Krankheiten wie Aids oder Malaria ist. Es gilt auch in der Religion, wo das Abendmahl für Jesu Tod und Leiden, wie auch für die Erlösung der Menschen steht.


„Dies ist mein Blut“ heißt es beim christlichen Abendmahl, wenn der Wein herumgereicht wird. „Vielen Menschen ist das heute nicht mehr einsichtig“, sagt Pfarrer Andreas Hoffmann, „sie sehen darin eine Opfer-Ideologie und wünschen sich gewissermaßen ein unblutiges Abendmahl. Aber ich finde, Blut ist ein so starkes Symbol, dass es schade wäre, wenn wir darauf verzichten“.

Für den Mediziner Helmut Siefert ist die Vorstellung, anderer Leute Blut zu trinken, geschichtlich gesehen gar nicht so abwegig: „Schon in der Antike gab es Ärzte, die den Kranken empfohlen haben, frisches Blut zu trinken“, weiß er, „vielleicht hat die Medizin die christlichen Abendmahlsvorstellungen mehr beeinflusst als wir glauben.“

Auf mittelalterlichen Darstel­lungen finden sich in der Tat häufig Motive, in denen Menschen Christi Blut trinken oder sogar darin baden. Das korrespondiert mit der wichtigen Rolle des Blutes in der Medizin. Im 4. Jahrhundert vor Christus entstand die so genannte „Viersäftelehre“, die über viele Jahre die Grundlage jeder Heilkunst bildete. Danach hat der Mensch vier Körpersäfte, Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim. Und Blut ist darunter der wichtigste, der Schlüssel zu Gesundheit und Wohlbefinden. Das Blut christlicher Märtyrer galt als besonders heilsam. Schlechtes Blut dagegen muss dem Körper entzogen werden: Bis in das 19. Jahrhundert hinein waren Aderlässe wichtige Behandlungsformen, Blutegel kommen sogar heute wieder zur Anwendung.

Doch echtem Blut begegnet man nur noch selten. Tritt es mal auf, dann verschwindet es gleich wieder in Ampullen und unter dicken Pflastern oder wird von Tampons aufgesogen. Tiere tötet man längst nicht mehr für alle sichtbar im Hinterhof, sondern in aseptischen Schlachthöfen. Und in der Medizin spielt das Fachgebiet, das inzwischen alltagsfern „Hämatologie“ heißt, nur noch eine untergeordnete Rolle.

Blut sieht man meist nur noch in Filmen oder auf Zeitungsbildern, und irgendwie ist es zwar gruselig, aber doch auch weit weg – für Andreas Hoffmann auch ein Grund, warum die religiöse Blutsymbolik heute schwerer zugänglich ist als früher: „Seitdem ich einmal bei Beduinen zugesehen habe, wie eine Ziege geschlachtet wurde und man die Hauswand dann mit dem Blut beschmiert hat, habe ich eine ganz andere Beziehung dazu.“

Dass die Blutsymbolik auch heute noch Medizin und Religion verbindet, zeigt die Werbung des Deutschen Roten Kreuzes, das mit den Worten „Mein Blut für dich“ zum Blutspenden aufruft. „Religion hat etwas mit Erfahrung zu tun“, sagt Pfarrer Hoffmann, „und die wird vom Symbol des Blutes angesprochen“. Es gibt eben Dinge, wie zum Beispiel die Bedeutung von Jesu Opfertod und Auferstehung, die lassen sich mit dem Verstand nur schwer begreifen. Aber wenn von Blut die Rede ist, dann kommen Gefühle und Assoziationen ganz von selbst. Denn ganz aus dem Alltag verschwinden wird der rote Körpersaft wohl nie. „Jeder schneidet sich mal in den Finger“, sagt Hoffmann – und dann blutet es, auch heute noch.


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Antje Schrupp 133 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

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