Kunst & Kultur

Propsteikantor Stefan Küchler über zwei besondere Jahre der Chorarbeit

Propsteikantor Stefan Küchler blickt auf zwei besondere Jahre der Chorarbeit zurück: Proben auf Parkplätzen, Zeit-Slots, online – die Gesangsensembles in den evangelischen Kirchengemeinden haben sich angesichts von Corona einiges einfallen lassen, beispielsweise die Johanniskantorei in Bornheim.

Breit aufgestellt: die Bornheimer Johanniskantorei in Pandemiezeiten  Foto: privat
Breit aufgestellt: die Bornheimer Johanniskantorei in Pandemiezeiten Foto: privat

Der für Frankfurt und Offenbach zuständige Propsteikantor Stefan Küchler gerät beim Thema „Chöre“ ins Schwärmen: „Wie positiv sich das gemeinsame Singen auf uns Menschen auswirkt, ist durch zahlreiche Studien belegt. Es stärkt unser Immunsystem, macht uns selbstbewusster, kräftigt das Herz-Kreislaufsystem, fördert die soziale Kompetenz, hält uns geistig fit und lernfähig, steigert das allgemeine Wohlbefinden und hilft uns, körperlichen und psychischen Stress abzubauen. Teil eines Chors zu sein bedeutet, ein gemeinsames Ziel zu verfolgen, Emotionen zu erleben und selbst zu erzeugen, es gibt uns das Gefühl von Zugehörigkeit und lenkt uns von den Belastungen des Alltags ab. So wird die Chorprobe zur stressfreien Zone. Egal, ob Bass, Tenor, Alt oder Sopran!“ Die Begeisterung ist nicht zu überhören, aber auch eine Portion „Trotz“ schwingt mit, denn Singen im Chor war wahrlich keine Selbstverständlichkeit in den vergangenen zwei Jahren.

30 Minuten für die Seele

Als es am 13. März 2020 zum ersten Lockdown kam, steckte beispielsweise die Johanniskantorei in Frankfurt-Bornheim inmitten der Proben für ein Passionskonzert. Damit war erst mal Schluss. Für den 9. April 2022 ist wieder ein Passionskonzert vorgesehen, nicht ganz so groß wie damals geplant, eher „30 Minuten Musik für die Seele“ werden geboten, wie Chorleiterin Jeanine Görde-Vogt sagt. Aber das gleich zweifach: Um 17 und um 19 Uhr tritt die Johanniskantorei, in „ihrer“ Kirche, Ecke Turmstraße, Große Spillingsgasse, auf und trägt unter anderem Choräle aus Liszts „Via Crucis“ vor. Geprobt wird online.

Auf Parkplätzen haben die 30 bis 50 Mitglieder der Kantorei sich in den vergangenen Jahren eingesungen. Nach einem ausgeklügelten System auch in der Johanniskirche Stücke einstudiert: Eine halbe Stunde Frauenstimmen, lüften, eine halbe Stunde Männergesang und dann wieder 30 Minuten Zeit für die weiblichen Mitglieder des Chors. Großzügig verteilten sich die Mitglieder der Kantorei in dem Bornheimer Barockbau. Christiane Ulke, 48, Personalerin an der Frankfurt University of Applied Sciences und erste Vorsitzende des Chors, hat den Eindruck: „Wir haben viel aufmerksamer aufeinander gehört“, Chorleiterin Görde-Vogt bestätigt das.

Auf dem Kirchplatz aufgetreten ist die Kantorei, verteilt auf Kirchenschiff, Empore und Altarraum wurde bei Konzerten gesungen. Eine besondere Herausforderung war ein ZDF-Gottesdienst an Nikolaus 2020: Auch das wurde gestemmt – mit EKD-Ratsvorsitzendem, Gemeindepfarrerin Stefanie Brauer-Noss und der Johanniskantorei.

Die 46 Jahre alte nebenamtlich tätige Chorleiterin, von Beruf ist die dreifache Mutter Deutsch- und Musiklehrerin, berichtet stolz, dass nicht nur Auftritte gelangen, sondern auch Abschiede nicht sang- und klanglos verliefen, wenn jemand in Ruhestand ging oder wegzog. „Wir feiern gern“, jetzt halt in anderer Form – und auf Abstand. Rund 50 Mitglieder zählte die Johanniskantorei vor dem ersten Lockdown, zeitweilig ging es runter gen 30. Jetzt ist Görde-Vogt, die vor dem Lehramtsstudium an der Musikhochschule einen Abschluss als Kirchenmusikerin erwarb, optimistisch, dass es bald wieder 50 sein werden.

„Wer in den letzten zwei Jahren gemeinsam singen wollte, musste schon ein erhöhtes Maß an Engagement aufbringen. Dabei ist vieles ausprobiert worden“, bestätigt Propsteikantor Küchler, der von rund 50 evangelischen Erwachsenen- und 25 Kinder- und Jugendchören im Raum Frankfurt und Offenbach ausgeht. Mittels Zoom, alle sehen sich, aber keiner hört die anderen oder Jamulus, man hört sich, kann im günstigsten Fall gemeinsam Singen, aber niemand sieht sich, wurde geprobt. Im Grünen, auch im Parkhaus haben Kirchenchöre aus dem Evangelischen Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach sich getroffen – für die Kreativität bei der Wahl der Probenorte gab es wenig Grenzen.

Wenn der Alt zum Testhelfer wird

Einigen Kantoreien war der Aufwand und das immer wieder nötige Nachjustieren bei den Regelungen zu viel, sie haben ausgesetzt, glücklicherweise hat sich bisher aber lediglich ein Chor aufgelöst. Zu den Chören, die drangeblieben sind, zählt die Evangelische Kantorei Unterliederbach und Höchst, der der Propsteikantor vorsteht. Nach Proben im Grünen 2020 und Jamulus-Proben im darauffolgenden Frühjahr war im Juni 2021 der gesamte Chor durchgeimpft. „Allen war wichtig, das Ansteckungsrisiko möglichst gering zu halten, die Kontrolle der Luftqualität mittels einer CO2-Ampel während der Probe ist Standard geworden“, berichtet Küchler

Wem die Inzidenzzahlen zu hoch waren, durfte sich entschuldigen und als die 2-G+-Regel für Chorproben eingeführt wurde, nahm der Chor die Möglichkeit des Allgemeinen Cäcilienverbandes wahr, sich für den Chorbetrieb als Testzentrum zertifizieren zu lassen. Dafür haben sich mehrere Chormitglieder zu Testhelfer:innen ausbilden lassen. „Die im Advent geplante musikalische Vesper mit reichlich A-capella-Motetten konnte so stattfinden“ – dank des etablierten Testwesens und der routinierten Abstandswahrung, so Küchler.

Skeptisch ist er, dass in nächste Zeit große Besetzungen wieder üblich werden, „nicht alles lässt sich auf Abstand gut umsetzen“. Doch wie Ulke und Görde-Vogt hat auch Stefan Küchler den Eindruck: „Wir haben in den vergangenen zwei Jahren in vielen Bereichen dazugelernt“. Er zählt auf: „Naturwissenschaftliche Grundlagen des Singens, Digitales, Organisatorisches – all das hat uns beschäftigt; dabei sind wir auch musikalisch besser geworden. Sängerische Präsenz, aktives Hören, rhythmische Stabilität, Flexibilität“. Letzteres war sicher zentral.

Christiane Ulke beispielsweise hat mit ihrer Schwiegermutter bei den Proben mit Tablet am Wohnzimmertisch zusammengesessen. „Sie singt Alt, ich Sopran, das war erst einmal eine Umstellung, aber hat gut geklappt.“


Autorin

Bettina Behler 199 Artikel

Bettina Behler, Medieninformation Evangelische Öffentlichkeitsarbeit Frankfurt und Offenbach