Kunst & Kultur

Das Singen als Waffe der Reformation

„Die Musik verjagt den Teufel und macht die Menschen fröhlich“, war ein Leitsatz des deutschen Reformators Martin Luther. Mit seinen Kompositionen und Liedtexten hat er entscheidend zur Musikkultur in Deutschland beigetragen.

Der Maler Gustav Spangenberg prägte um 1875 mit seinem Historienbild „Luther im Kreise seiner Familie musizierend“ die damals gängige Vorstellung von der lutherischen Urzelle der Hausmusik. | Foto: Wikimedia.org (cc)
Der Maler Gustav Spangenberg prägte um 1875 mit seinem Historienbild „Luther im Kreise seiner Familie musizierend“ die damals gängige Vorstellung von der lutherischen Urzelle der Hausmusik. | Foto: Wikimedia.org (cc)

Dass der deutsche Theologe Martin Luther, anders als seine Schweizer Kollegen Calvin und Zwingli, sehr musikalisch war und die Musik liebte, trug erheblich zu dem Erfolg seiner Ideen bei. Über Luthers Lieder erreichten seine reformatorischen Einsichten nicht nur die Hirne der Menschen, sondern auch ihre Herzen.

Als Jugendlicher lernte Luther Musiktheorie auf der Lateinschule Eisenach, die er ab 1497 vier Jahre lang besuchte. Dort, in der Heimatstadt seiner Mutter, sang er auch im Chor der Georgenkirche. Ebenso in der Eisenacher Kurrende, einem Schüler-Chor, der gegen Bezahlung auch zu Festen und anderen Anlässen sang. Mit anderen Kurrendensängern zog der junge Martin durch die Stadt, um vor den Türen der reichen Patrizier seine Dienste anzubieten.

Später studierte Luther an der Erfurter Universität nicht nur Theologie, sondern auch Gesang und Kontrapunkt, eine Sanges- und Kompositionstechnik. Er spielte die Laute und konnte im polyphonen Stil seiner Zeit komponieren. Außerdem hatte er eine klangvolle Stimme und sang leidenschaftlich gern. Der Nürnberger Meistersinger Hans Sachs nannte ihn die „Wittenbergische Nachtigall“.

In seiner Schrift „Formula missae“ klagte Luther 1523, dass „allein der Chor der Pfaffen und Schüler singt und antwortet, wenn der Bischof das Brot segnet oder Messe hält“. Luther wollte die frühchristliche Praxis des Gemeindegesangs wiederbeleben. Zahlreiche antike Berichte bezeugen die besondere Affinität der ersten christlichen Gemeinden zum gemeinsamen (Lob-)Gesang. So berichtet etwa Plinius der Jüngere in seinem „Christenbrief“ an Kaiser Trajan, dass die Christen des ersten Jahrhunderts in ihren Gottesdiensten und Versammlungen „Christus als ihrem Gott einen Wechselgesang zu singen“ pflegten. Und die paulinischen Schriften deuten an unterschiedlicher Stelle an, dass die ersten Gemeinden sehr sangesfreudig waren. Doch diese Tradition wurde im Laufe der Jahrhunderte zurückgedrängt.

Luther forderte auch als erster „deutsche Gesänge, die das Volk unter der Messe singe“. In Wittenberg begann er, Teile der lateinischen Messe durch deutsche Lieder zu ersetzen. Schon die „Deutsche Messe“, eine 1526 von Luther entworfene Gottesdienstordnung, sieht deutschsprachige Lieder vor. Bald wurden Luthers Lieder auch in Gesangbüchern gedruckt. Er hat Psalmen umgedichtet und vertont, altkirchliche Hymnen ins Deutsche übertragen, biblische Erzähllieder geschrieben und geistliche Kinderlieder verfasst. Nach unterschiedlichen Zählungen sind von ihm selbst zwischen 36 und 45 Liedtexte und mindestens 20 Melodien erhalten. Die bekanntesten Luther-Lieder sind wohl „Aus tiefster Not schrei ich zu dir“, „Ein feste Burg ist unser Gott“ und „Vom Himmel hoch, da komm ich her“.

Das Singen wurde rasch zur schärfsten Waffe der Reformation. Nicht nur in den Gottesdiensten, auch auf der Straße schmetterten die Protestant*innen ihre neuen Glaubenslieder. Eine Schweinfurter Gemeinde sang 1532 während einer Messe mit „Ein feste Burg“ einen katholischen Priester nieder. Göttinger Handwerker mischten eine Fronleichnamsprozession mit „Aus tiefster Not schrei ich zu dir“ und anderen deutschen Psalmvertonungen auf und in der Bischofsstadt Hildesheim wurde das Singen auf der Straße 1524 zum ersten Mal verboten.

Mit der Reformation begann eine beeindruckende Geschichte evangelischer Kirchenmusik. Luther-Bibel und Gesangbuch boten den Komponist*innen der Reformationszeit den nahezu ausschließlichen, vielfältigen Stoff für ihre geistlichen Werke, viele von ihnen schrieben vom 16. bis 18. Jahrhundert Liedsätze, geistliche Konzerte und Kantaten auf Luthers Texte. Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach sind die bekanntesten unter ihnen. Die Tradition des evangelischen Liedgutes blieb bis ins 20. Jahrhundert lebendig, in Frankfurt etwa sind vor allem die Lieder des früheren Propstes Dieter Trautwein oder die des Pfarrers und Musikers Eugen Eckert populär geworden. Aber der am stärksten vertretene Lieddichter in evangelischen Gesangbüchern ist nach wie vor Martin Luther selbst.


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Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".