Kunst & Kultur

Die Musik der „Wittenbergischen Nachtigall“: Singen als Waffe der Reformation

Martin Luther war sehr musikalisch und liebte die Musik . Seine Lieder trugen viel zum Erfolg der Reformation in Deutschland bei.

„Luther im Kreise seiner Familie musizierend“ – Historienbild von Gustav Spangenberg, um 1875.
„Luther im Kreise seiner Familie musizierend“ – Historienbild von Gustav Spangenberg, um 1875.

„Die Musik verjagt den Teufel und macht die Menschen fröhlich“, war Martin Luther überzeugt. Der Reformator hatte als Jugendlicher Musiktheorie auf der Lateinschule Eisenach gelernt, später studierte er an der Erfurter Universität nicht nur Theologie, sondern auch Gesang und Kontrapunkt. Er spielte die Laute und konnte im polyphonen Stil seiner Zeit komponieren. Außerdem hatte er eine klangvolle Stimme und sang leidenschaftlich gern. Der Nürnberger Meistersinger Hans Sachs nannte ihn die „Wittenbergische Nachtigall“.

In seinen Schriften kritisierte Luther, dass im damaligen Gottesdienst „allein der Chor der Pfaffen und Schüler singt und antwortet, wenn der Bischof das Brot segnet oder Messe hält“. Dabei war das Singen der Gemeinde eine alte christliche Tradition. Plinius der Jüngere sagt über die Christen des ersten Jahrhunderts, sie pflegten, „Christus als ihrem Gott einen Wechselgesang zu singen“. Doch diese Tradition wurde im Laufe der Jahrhunderte zurückgedrängt.

Luther begann in Wittenberg, Teile der lateinischen Messe durch deutsche Lieder zu ersetzen. Schon bald wurden Lieder in Gesangbüchern gedruckt. Dafür hat Luther hat Psalmen umgedichtet und vertont, altkirchliche Hymnen ins Deutsche übertragen, biblische Erzähllieder geschrieben und geistliche Kinderlieder verfasst. Nach unterschiedlichen Zählungen sind zwischen 36 und 45 Liedtexte und mindestens 20 Melodien von ihm erhalten. „Aus tiefster Not schrei ich zu dir“, „Ein feste Burg ist unser Gott“ und „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ sind die bekanntesten.

Das Singen wurde zur schärfsten Waffe der Reformation. Nicht nur in den Gottesdiensten, auch auf der Straße schmetterten die Evangelischen ihre neuen Glaubenslieder. Eine Schweinfurter Gemeinde soll 1532 während einer Messe mit „Ein feste Burg“ einen katholischen Priester niedergesungen haben. Göttinger Handwerker mischten eine Fronleichnamsprozession mit „Aus tiefster Not schrei ich zu dir“ und anderen deutschen Psalmvertonungen auf. In der Bischofsstadt Hildesheim wurde das Singen auf der Straße 1524 zum ersten Mal verboten.

In guter protestantischer Tradition wird bis heute singend protestiert: Bei Demos vor dem Atommüllendlager Gorleben oder während der friedlichen Revolution in der DDR 1989, auch evangelische Lieder: „Komm Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen.“

Noch immer ist Luther der am stärksten vertretene Lieddichter in evangelischen Gesangbüchern. Sein Beispiel hat schnell Schule gemacht. Mit der Reformation begann die beeindruckende Geschichte evangelischer Kirchenmusik. Zahlreiche Komponisten des 16. bis 18. Jahrhunderts schrieben Liedsätze, geistliche Konzerte und Kantaten auf Luthers Texte. Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach sind die bekanntesten unter ihnen.


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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

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