Kunst & Kultur

„Du überfahrenes Opossum, du!“ – Ausstellung übers Fluchen im Museum für Kommunikation

Hat Fluchen mit Gott zu tun? Manchmal eine ganze Menge. Schon der Name der Ausstellung im Frankfurter Museum für Kommunikation am Schaumainkai verweist darauf: „Potz! Blitz!“ heißt eigentlich: „Gottes Blitz“, was in der Langform bedeutet: „Gottes Blitz möge dich treffen!“. – Wer flucht, bittet Gott, einem anderen zu schaden, etwas zu vergelten – der Fluch ist das Gegenteil vom Segen.

Wer in der Ausstellung Anregungen zum Schimpfen sucht, findet sie hier. |
Wer in der Ausstellung Anregungen zum Schimpfen sucht, findet sie hier. | Bild: MFK Frankfurt

Bevor der Mensch verrückt wird, übt er sich lieber in den wildesten Flüchen, ein beeindruckendes globales Phänomen, das sich durch die Jahrtausende zieht. Darauf weist der Untertitel der Schau hin: „Vom Fluch des Pharao bis zur Hate Speech“. Durch alle Kulturen, Religionen und Zeiten hindurch wird geflucht, geschimpft und beleidigt, was das Zeug hält. Sind Sie schon mal als „überfahrenes Opossum“ betitelt worden? Nein? In China könnte Ihnen das passieren. Nennt man Sie hingegen einen „Halbdackel“, dürften Sie sich im Schwäbischen befinden. Der Kreativität sind beim Fluchen eben keine Grenzen gesetzt.

Genauso lange, wie sie fluchen, versuchen die Menschen wohl auch schon, sich vor bösen Flüchen zu schützen. So werden die Besucherinnen und Besucher gleich am Eingang der Ausstellung von einer alten, hölzernen Scheunentür empfangen, an der spitze Gegenstände ebenso wie Felle und andere Teile toter Tiere hängen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein sollten solche Türen das Vieh dahinter vor Flüchen und Schadenszaubern schützen. In einer Vitrine finden sich noch mehr schützende Objekte aus der Geschichte ebenso wie aus dem Film: das aus dem Islam bekannte blaue Auge „Nazar“, ein Elefantenstoßzahn oder der Elderstab, der seinen Besitzer:innen in „Harry Potter“ nicht nur Macht verspricht, sondern auch Flüche abwehren soll.

Wobei das traditionelle Fluchen von Angesicht zu Angesicht heute nur ein Aspekt des Sich-gegenseitig-Beschimpfens ist. Problematischer und auch gemeiner ist das Schimpfen im Netz - oft, wenn auch nicht immer, anonym. Darauf weist die Installation eines Ventilators am Eingang hin, durch den bräunliche Stofffetzen flattern - ein Internet-Shitstorm, ganz bildlich verstanden. Vor einer Bilderwand mit Porträts bekannter Persönlichkeiten wie dem Satiriker Jan Böhmermann, der Umweltaktivistin Greta Thunberg sowie den Politiker:innen Donald Trump, Marine Le Pen und Karl Lauterbach sollen die Betrachter:innen ins Nachdenken kommen. Wo beginnen Mobbing und Hate Speech und wie können sich Opfer dagegen wehren? Auch Adressen für Betroffene finden sich neben der Installation.

Wer seinem angestauten Frust gleich an Ort und Stelle völlig analog freien Lauf lassen möchte, darf hinter einer Trennwand auf einem Bobby-Car Platz nehmen und vor Dashcam-Mitschnitten als Synchronsprecher Auffahrunfälle laut fluchend kommentieren. Wer lieber einsteckt als austeilt, kann sich via Screen von Kurator Rolf-Bernhard Essig höchstpersönlich beschimpfen lassen. Gegenüber zeigen Filme und Song-Ausschnitte, wie häufig auch in der Kunst geschimpft und geflucht wird. Klaus Kinski darf natürlich nicht fehlen.

Historische Objekte, Medienstationen sowie Mitmach-Angebote zeigen, dass Fluchen und Schimpfen ständige und lebendige Elemente jeder menschlichen Kommunikation sind.

Eine Wand schließlich widmet sich der lokalen Schimpfkultur, in diesem Fall den Kraftausdrücken aus Frankfurt und Umgebung und damit Begriffen wie Bobbehannes, Barchentreißer oder Duddebabber. Eigene Flüche mit Stift und Papier beizusteuern, das ist an dieser Stelle ausdrücklich erwünscht.

„Potz! Blitz! Vom Fluch des Pharao bis zur Hate Speech“, Museum für Kommunikation, Schaumainkai 53, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr sowie Mittwoch 10-20 Uhr.


Autorin

Anne Lemhöfer 116 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de