Kunst & Kultur

Dekanatskantor Simon Graeber: Für mehr musikalisches Cross-Over

Kirchenmusiker Simon Graeber ist seit einem knappen Jahr Dekanatskantor und überwiegend in Sachsenhausen im Einsatz. Der 31-Jährige ist ein Fan von ungewöhnlichen Konzertformaten und vom Musizieren im Team.

Simon Graeber ist seit einem Jahr Dekanatskantor und vor allem in Sachsenhausen im Einsatz. | Foto: Jörg Echtler
Simon Graeber ist seit einem Jahr Dekanatskantor und vor allem in Sachsenhausen im Einsatz. | Foto: Jörg Echtler

Simon Graeber tritt dem Reporter mit einem breiten Lächeln gegenüber. Seit Oktober 2021 ist der 31 Jahre alte Kirchenmusiker an der Frankfurter Maria-Magdalena-Gemeinde und einer von vier Dekanatskantor:innen. Er wirkt „angekommen“ auf der ersten eigenen hauptamtlichen Stelle, die er nach einem Jahr als Assistent im schwäbischen Maulbronn angetreten hat. „Ich liebe es, mittendrin zu sein“, sagt er – und das ist er nun wirklich: gerade zehn Minuten von der Lukaskirche in Sachsenhausen, einer seiner Wirkungsstätten, entfernt haben Graeber, seine Frau, die Sängerin ist und die kleine Tochter ihr neues Zuhause gefunden.

Musikalisch hat Simon Graeber schon deutliche Zeichen gesetzt: Unter dem Titel „Choral meets Charts“ gestaltete er eine Reihe von Konzertandachten und Musikgottesdiensten, bei denen jeweils ein traditionelles Kirchenlied auf ein Stück der Rock- und Popmusik traf und thematisch eingebunden wurde – „Jesus ist kommen“ etwa begegnete dem Beatles-Hit „Here comes the sun“. Zur Unterstützung hat Graeber weitere Musikerinnen und Musiker an Bord geholt – beim Himmelfahrtsgottesdienst im Metzlerpark spielte sogar eine kleine Jazzband.

„Die Leute hat mir ein Bekannter organisiert, der beim Hessischen Rundfunk arbeitet“, erzählt Graeber. Als Basis-Besetzung fand sich ein Ensemble aus Schlagzeug, Baß, Saxophon und Klavier zusammen – Absolvent:innen der Popularmusik-Ausbildung an der kirchenmusikalischen Fortbildungsstätte Schlüchtern. Mit ihnen will Graeber nun weiterarbeiten und das Konzept dabei fortentwickeln. „Interessant wurde es nämlich, wenn die Musiker frei improvisierten.“ Also wird dieser nun verstärkt: Jazz-Andachten zu einem bestimmten Thema werden abgeschlossen durch eine Jam-Session bei der dann alle Interessierten zusammen musizieren können.

Diese neuen Formate liegen auf der Linie eines musikalischen Grundkonzeptes, das Dekanatsmusikausschuss und Kirchenvorstand gemeinsam mit der Landeskirchenmusikdirektorin für Maria-Magdalena ausgearbeitet und mit dem Slogan „Jazz, Groove und alles, was rockt“ umschrieben haben. Das sei genau die Art, wie er Musik machen wolle, betont Graeber – „nämlich sehr bunt“. Letztlich reize ihn das „Crossover“, es ermögliche „im Neuen das Alte und im Alten das Neue zu entdecken“.

Graeber ist kein einsamer Crack an der Orgel und am Dirigierpult. Er wünscht sich die Kirchenmusik als Teamwork. „Ich bin Ensemblemusiker“, sagte er, „will nicht nur für, sondern auch mit Menschen musizieren“. Schon als Jugendlicher entdeckte Graeber nicht nur die Orgel für sich, sondern auch die Band. Mit der Jugendband seiner Kirchengemeinde in Kaiserslautern wie auch mit der Schulbigband hatte er bis zum Abitur zahlreiche Auftritte. Während des anschließenden Schul- und Kirchenmusikstudiums in Saarbrücken leitete Graeber dann zahlreiche Chöre und sammelte wertvolle Praxiserfahrung. „Ich hab immer schon viel Musik selbst gemacht und Dinge ausprobiert.“

Das kann er in Sachsenhausen nun fortsetzen. Denn nach einer längeren Stellenvakanz und den Einschnitten der Corona-Zeit lag die Kirchenmusik in der Gemeinde etwas brach. Graeber hat den Chor wiederbelebt – „das zweite Instrument des Kantors“, wie er sagt und für die musikalische Arbeit essenziell. Etwa 20 Personen kommen inzwischen wieder zu den Proben, mit ihnen leistet der junge Musiker Basisarbeit. „Von Taizé-Liedern über einfache dreistimmige Sätze tasten wir uns langsam vor.“ 2024, zum hundertsten Geburtstag der Jazz-Legende Duke Ellington, will Graeber dessen berühmtes „sacred concerto“ aufführen – mit Chor und Bigband. „Das ist sehr ambitioniert“, räumt er ein, aber ein attraktives Ziel vor Augen steigert ja auch die Motivation.

Ein weiteres Feld ist die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. In den beiden Kitas der Gemeinde hat Graeber bereits angedockt. Auch an der Konfiarbeit möchte er sich künftig beteiligen und neue musikalische Perspektiven entwickeln. „Vielleicht gelingt es ja, eine Jugendband auf die Beine zu stellen.“ Gemeinsam mit seinen Kolleginnen Johanna Winkler und Bettina Strübel realisierte Graeber gerade ein Jugend-Singprojekt. Seit Mitte Mai wurde ein „Evensong“-Programm geprobt, eine musikalische Abendandacht in englischer Tradition. Nach zwei Aufführungen Anfang Juli ist der „Evensong“ am 10. September auch in der Lukaskirche zu hören. Sieben Mädchen im Alter zwischen 10 und 15 Jahren aus der Gemeinde haben sich beteiligt, insgesamt singen 20 Jugendliche aus dem ganzen Dekanat mit. Mittel- bis langfristig soll aus solchen Projekten ein ständiger Jugendchor entstehen. Doch das brauche Zeit, Geduld und eine kluge Werbestrategie, ist sich der Kantor bewusst.

Kooperationen mit der Musikhochschule, die die Lukaskirche für Orgelunterricht und Prüfungen nutzt, so wie der Frankfurter Bläserschule können der musikalischen Arbeit in der Gemeinde weitere Perspektiven erschließen. Die gegenwärtige Situation, in der vieles neu beginnt, begreift Simon Graeber als „Chance, aufzubrechen“, neue Konzepte abseits der bisher gängigen Proben-, Konzert- und Gottesdienstformate auszuprobieren. „Ich habe eine gewisse Narrenfreiheit“, sagt er. Und die will er nutzen.


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Jörg Echtler 5 Artikel

Jörg Echtler studierte Kirchenmusik, Musiktheorie und Germanistik und arbeitet als freier Journalist in Frankfurt und Offenbach.

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