Kunst & Kultur

Film des Monats: Les Misérables – die Wütenden

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Regisseur Ladj Ly hat einen spannenden Film über das Viertel Montfermeil gedreht, einen tristen Vorort von Paris, in dem ein mühsam ausbalanciertes Gewalt-Mobile herrscht. Als ein kleines Löwenbaby entführt wird, droht es zu kippen. Die Evangelische Filmjury hat Les Misérables zum Film des Monats Januar gewählt.

Die Polizei ist nicht nur ein Teil der Lösung, sondern auch ein Teil des Problems. Szenenfotos aus Ladj Lys Film Les Misérables.
Die Polizei ist nicht nur ein Teil der Lösung, sondern auch ein Teil des Problems. Szenenfotos aus Ladj Lys Film Les Misérables.

Wenn beim Sieg der Fußball-Weltmeisterschaft alle Franzosen vor Freude jubeln und die Trikolore schwenken, darf das nicht über die immensen sozialen Spannungen im Land hinwegtäuschen. Der Film „Die Wütenden“ nimmt das Publikum mit nach Montfermeil, in einen tristen Vorort von Paris, der von Einwanderern aus unterschiedlichen Ländern geprägt ist. Ohne in Klischees abzudriften, zeigt der Film den Alltag von Jugendlichen in einem tristen Plattenbauviertel, das nach eigenen Gesetzen funktioniert. Wer hier aufgewachsen ist, weiß um die internen Machtverhältnisse.

Da ist etwa Salah, eine moralische Instanz für viele Muslime im Viertel. Er betreibt einen Dönerladen, der zur Anlaufstelle für Probleme aller Art wird. Ein selbsternannter Bürgermeister versucht mit korrupter Allmacht die vielfältigen Interessen im Viertel auszugleichen, um gewalttätige Konflikte zu minimieren. Zu diesem austarierten Gewaltmobile gehört auch die Polizei. Das dreiköpfige Team, das im Zentrum der Geschichte steht, wird geleitet von Chris, einem rassistischen und gewaltbereiten Cop, der nach der Devise handelt: „Das Gesetz bin ich“. Dazu kommen seine Kollegen, der im Viertel aufgewachsene Gwada sowie Stéphane, der Neue, der fast wie ein Fremdkörper wirkt, wenn er versucht, seinen gesetzesgemäßen Verhaltensmustern treu zu bleiben.

Als ein Löwenbaby von der Jugendgang aus dem Zirkus gestohlen wird und die überforderten Polizisten auf den Anführer der Bande schießen, droht das fragile Machtgleichgewicht zu zerbrechen.

Der Film vermeidet es, parteiisch zu werden. Die übergriffige Gewalt der Polizei wird mit maßloser Gewalt von Seiten der Jugendlichen beantwortet. Dieser Film deckt die Wirklichkeit der Vorstädte von Paris auf, die sich fundamental vom Stadtzentrum unterscheiden. Wie Stéphane, der von außen kommende Polizist, schnell Teil des Problems wird, das keine Unterscheidung zwischen Opfer und Tätern mehr zulässt.

Montfermeil ist derselbe Stadtteil, in dem Victor Hugo 1862 seinen Roman Les Misérables geschrieben hat, auf den der Filmtitel verweist. Viel scheint sich seit jener Zeit nicht verändert zu haben. Oder doch?

Regisseur Ladj Ly stammt selbst aus diesem Viertel und schafft es, durch seine künstlerische Arbeit die Gesetzmäßigkeiten der Pariser Banlieues zu durchbrechen. Sein Film wurde auf dem Festival de Cannes 2019 mit dem „Preis der Jury“ ausgezeichnet und geht für Frankreich ins Rennen um den Oscar. Die Evangelische Filmjury empfiehlt ihn als Film des Monats. Er läuft ab 23. Januar in Deutschland im Kino.

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