Kunst & Kultur

Filmisches Portrait über den Interreligiösen Chor Frankfurt

Seit 2012 veranstaltet der Interreligiöse Chor Frankfurt (IRCF) jedes Jahr zwei Konzerte. Der Filmemacher Dieter Reifarth hat den Chor über einige Monate begleitet, bei Proben gefilmt, Interviews geführt. Entstanden ist ein knapp 50-minütiger Dokumentarfilm, der auch auf DVD erhältlich ist. 

Der Interreligiöse Chor Frankfurt ist inzwischen eine feste Größe in der Konzertlandschaft. Hier die Aufnahme eines Konzertes von 2014. | Foto: Ilona Surrey
Der Interreligiöse Chor Frankfurt ist inzwischen eine feste Größe in der Konzertlandschaft. Hier die Aufnahme eines Konzertes von 2014. | Foto: Ilona Surrey

Singen verbindet, auch über die Grenzen von Religionen und Konfessionen hinweg. Das kann man beim Anschauen dieses Films quasi wie ein unsichtbarer Beobachter miterleben: Da wird konzentriert geübt – gesprochen, artikuliert, intoniert, gezählt – und dann: der Chor im Zusammenklang. 

Von den ersten Stimmproben bis zum Konzert im November 2017 haben der Regisseur Dieter Reifarth und seine Assistentin Anna Brinks die Entstehung des Programms zu Psalm 46 begleitet. Gesungen wird in Hebräisch, Arabisch, Jiddisch, Deutsch und vielen anderen Sprachen. Wie Luthers „Eine feste Burg ist unser Gott“ auf Schwedisch klingt ist hier ebenso zu entdecken wie der Psalmentext auf Jiddisch mit Klezmerklängen oder die Koranrezitation einer jungen Chorsängerin. 

Lauschen gehört zum Singen dazu – Vertrautes und Fremdes nebeneinander öffnen Raum für immer wieder neue Anknüpfungspunkte. Das betonen die Sängerinnen und Sänger in ihren Statements. 

Trotz aller Verbundenheit: Differenzen dürfen bleiben. Gemeinsam Singen bedeutet nicht, die Eigenheiten und Unterschiede zu verwischen. Viel Arbeit ist zu leisten, bevor die erste Probe beginnt. Denn zunächst einmal muss herausgefunden werden, was zusammen gesungen werden kann, darf oder möchte. Im interreligiösen Dialog zuweilen keine einfache Sache. 

Bettina Strübel, Kantorin an der Lutherkirche in Offenbach, und Daniel Kempin, Kantor im Egalitären Minjan Frankfurt, die von Beginn an den Chor gemeinsam leiten, berichten aus der Vorbereitung – beiläufig gibt der Film kleine Einblicke in private Arbeitsatmosphären. Musik und Text müssen vorab studiert werden. Die christliche Gottesanrede als „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ zum Beispiel kann eine jüdische Sängerin nicht singen. Wo so ein Textabschnitt in musikalischen Bearbeitungen des Psalms auftaucht, muss deshalb darüber gesprochen und eine Lösung gefunden werden, die für alle passt.

Ein Leitfaden in den vergangenen Jahren war für den Chor die projektweise Arbeit an einzelnen Psalmen, den Tehillim. Das gibt dem interreligiösen Dialog ein Fundament und bietet Anknüpfungspunkte für intensive Gespräche über die Texte, aus denen für jedes Konzert ein umfangreiches Programmheft hervorgeht. 

Eine unerschöpfliche Quelle sind die vielzähligen Vertonungen aus christlicher und jüdischer Tradition. Mehr Erfindungsreichtum erfordert die inhaltliche und musikalische Verbindung mit der dritten abrahamitischen Religion, dem Islam. Hier ist man dazu übergegangen, Koransuren den Psalmenversen vergleichend gegenüberzustellen und die musikalische Umsetzung durch Auftragskompositionen einzuholen. 

Für Psalm 46 etwa vertonte der syrische Musiker und Komponist Samir Mansour einen Hadith, also einen Spruch aus der Überlieferung Mohammeds. Das sei keineswegs üblich, wie er im Film erläutert, aber offenkundig auch kein unüberwindbares Hindernis: Wo es bisher noch keine Verbindungslinien zwischen den Religionen gibt, können sie geschaffen werden. Den eigenen Variantenreichtum der musikalischen Tradition zu entdecken und sich in fremde Klang- und Gedankenwelten einzuleben – auch das verbindet.

Der Interreligiöse Chor nährt sich aus jahrhundertelangen Traditionen, nimmt sie auf und bringt sie heute neu in Bewegung. Ein Teil dieses Prozesses zu sein, an dem viele einzelne Menschen ihren Anteil haben, der jedoch die Einzelnen zugleich übersteigt – gerade dieses Zusammenspiel ist es wohl, das zuweilen sogar überzeugten Atheisten eine Ahnung religiöser Gemeinschaft vermittelt, wie eine Sängerin vor der Kamera sagt.

Ernsthaftigkeit, Intensität, Ausdauer und „ein liebevolles Dabeibleiben“ sind das, was den IRCF ausmacht, sagte der Regisseur bei der Filmpremiere in der Evangelischen Akademie Frankfurt. Nichts mache sich von selbst. Umso faszinierender sei es gewesen, mitzuerleben, wie nach und nach etwas Gestalt annehme. Die Chorarbeit sei „gelebte Toleranz“, Wahrnehmung und Wahrung der Belange des anderen. 

Die DVD „Der interreligiöse Chor Frankfurt am Main – Psalm 46“ ist für 15 Euro zzgl. Porto erhältlich, zu bestellen per Mail an info@ircf-frankfurt.de


Schlagwörter

Autorin

Silke Kirch 22 Artikel

Dr. Silke Kirch studierte Germanistik, Kunstpädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main und ist freie Autorin und Redakteurin.