Kunst & Kultur

Film des Monats: Sorry, wir haben Sie verpasst

Dem britischen Regisseur Ken Loach ist erneut ein Meisterwerk gelungen. „Sorry, we missed you“ zeigt, was passiert, wenn Menschen ständig an der Grenze ihrer Belastbarkeit agieren müssen. Der „Film des Monats“ der Evangelischen Filmjury kommt in Deutschland am 30. Januar ins Kino.

Angeblich ist er ein selbstständiger Unternehmer, in Wirklichkeit wird er einfach nur ausgebeutet: der Paketbote Ricky Turner. | Foto: Joss Barrati
Angeblich ist er ein selbstständiger Unternehmer, in Wirklichkeit wird er einfach nur ausgebeutet: der Paketbote Ricky Turner. | Foto: Joss Barrati

Am Anfang steht ein Jobinterview. Ricky Turner rutscht nervös auf seinem Stuhl herum, während er sämtliche positiven Eigenschaften aufzählt, die einen Arbeitgeber heutzutage beeindrucken. Mit Erfolg. Am Ende des Gesprächs gehört der Paketbote zur Firma – als selbständiger Unternehmer. Was das bedeutet, zeigt Ken Loach in seinem neuen Spielfilm.

Erneut ist es dem inzwischen 83 Jahre alten britischen Regisseur gelungen, gesellschaftliche Ungerechtigkeiten auf den Punkt zu bringen. In diesem Fall vor allem den Trend, Arbeitnehmer zu „Selbstständigen“ zu erklären, das heißt, ihnen Verantwortung und unternehmerisches Risiko zuzuschieben, während sie in Wirklichkeit kaum Handlungsoptionen haben.

Ricky jedenfalls legt sich ins Zeug. Macht dabei allerdings auch Fehler, vor allem den, nicht auf seine Frau Abby zu hören. Die rät ihm nämlich von mancher riskanten „Investition“ ab. Auch der Sohn im Teenager-Alter tut seinen Teil dazu, die Familie noch in größere Schwierigkeiten zu bringen. Es ist eine Stärke von Ken Loach, dass er in seinen Filmen keine einfachen Schuldzuweisungen macht, sondern zeigt, wie kompliziert es ist. Wie hier zum Beispiel tradierte Vorstellungen von Männlichkeit – der Held, der die Familie „ernährt“ – sich Hand in Hand mit ausbeuterischen wirtschaftlichen Verhältnissen zu einer persönlichen Katastrophe auswachsen können.

Die Branche der Paketzustellung ist ein ideales Beispiel für die Ungerechtigkeit des heutigen Wirtschafssystems. Ricky und Abby sind nicht perfekt, aber nah dran. Sie sind fleißig, strengen sich an, kümmern sich um die Kinder, finden immer wieder zueinander, trotz aller Schwierigkeiten. Sie geben ihr Bestes, und sie sind darin besser, als es die meisten von uns vermutlich wären. Aber sie sind in einem System gefangen, das ihnen kaum eine Chance gibt. Ken Loach zeigt eindrücklich, was passiert, wenn Menschen ständig an der Grenze ihrer Belastbarkeit agieren müssen.

„Sorry, we missed you“ ist ein unbedingt sehenswerter Film, der von der Evangelischen Filmjury zum Film des Monats Februar gewählt wurde.

Eine Sondervorführung der Filmjury mit anschließendem Gespräch findet am Donnerstag, 6. Februar, um 19.30 Uhr im Mal Seh'n Kino in Frankfurt, Adlerflychtstraße 6, statt.


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Antje Schrupp 145 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

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