Kunst & Kultur

Fromme Gretel, gottlose Hexe - wie Märchen funktionieren

Märchen und biblische Geschichten sind sich in vielem ähnlich: Sie haben existenzielle Fragen der Menschen zum Thema – Glück und Trauer, Leben und Tod, Gut und Böse. Sie bieten Orientierung, sie spenden Trost und Zuversicht, sie vermitteln Urvertrauen in das Gute in der Welt. Doch es gibt auch wichtige Unterschiede: Im Märchen bleibt das Böse böse und das Gute gut. In der Bibel hingegen überwiegt die Hoffnung auf Veränderung.

Foto: Onnola/Flickr.com (cc by-sa)
Foto: Onnola/Flickr.com (cc by-sa)

Wenn Gretel die Hexe in den Backofen schubst, wenn die Königin Schneewittchen vergiftet, wenn die 13. Fee aus Rache Dornröschen den Tod wünscht, dann hört sich das alles wenig christlich an. Verzeihen, Reue und Gewaltverzicht scheinen keinen Platz zu haben in der uralten Erzählform des Märchens.

Auf der anderen Seite sprechen aber die Grimmschen Märchenfiguren schon mal ein Abendgebet, rufen Gott um Hilfe an, und gelten böse Figuren als „gottlos“. Wie passt das zusammen: Religion und Märchen?

Gemeinsamkeiten jedenfalls finden sich zuhauf: Märchen sind kurz, Bibelgeschichten auch. Vertraute Motive, Zahlensymbolik oder sprechende und helfende Tiere begegnen sowohl in der Bibel als auch im Märchen. In der Bibel unternimmt der Prophet Bileam drei Versuche, ein feindliches Heer mit einem Fluch zu belegen, es gibt zwölf Stämme Israels, zwölf Apostel, sprechende Schlangen, Esel und Raben – und nicht zuletzt die Dreifaltigkeit. In den Märchen tummeln sich drei Söhne, zwölf Brüder und ebenfalls eine Menge sprechender Tiere. Märchen entspringen wie die biblischen Geschichten uralten Mythen, die von Generation zu Generation überliefert wurden. Beide handeln von Wundern und übernatürlichen Erscheinungen.

Keine Frage: Kinder lieben Märchen. Und „Kinder brauchen Märchen“ – das postulierte jedenfalls in den 1970er Jahren der Pädagoge und Psychologe Bruno Bettelheim. Für ihn nimmt das Märchen die existenziellen Wünsche und Ängste von Kindern ernst und spricht sie unmittelbar aus: Das Bedürfnis, geliebt zu werden etwa, die Furcht, als nutzlos zu gelten, Geschwisterrivalität, Ungerechtigkeit, Ohnmachtsgefühle, die Liebe zum Leben und die Furcht vor dem Tod. Hänsel und Gretel, Schneewittchen und Rotkäppchen, Dornröschen und Aschenputtel müssen andere verlassen, Hindernisse überwinden und Rätsel lösen. Am Ende aber haben sie Erfolg.

Kinder identifizieren sich mit den Figuren. Sie helfen ihnen, Reifungsprozesse zu erleben, Krisen zu verarbeiten und sie zu bewältigen. Dass Märchen trotz aller Grausamkeiten immer gut enden, kann Kinder ermutigen, zu kämpfen und das Leben und das Glück selbst in die Hand zu nehmen. Der Dummling bringt es zu etwas, Gretel überlistet mit Verstand die böse Hexe, Aschenputtel (und nicht die faulen, intriganten Schwestern) wird vom König auserwählt, das tapfere Schneiderlein schafft es, die Riesen loszuwerden, ein kleiner Angsthase besiegt den bösen Wolf. In dem Märchen von den Sterntalern erfährt ein armes Kind, dass es durch „gute Mächte wunderbar geborgen ist“, wenn es in „Vertrauen auf den lieben Gott“ den ethischen Grundsätzen gehorcht und sein geringes Hab und Gut mit noch Ärmeren teilt.

Wie die Bibel vermitteln Märchen in Bildern und Symbolen einen Sinn, einen Gehalt, der über die erzählte Geschichte hinaus geht. „Sie sind auf einer tiefen Ebene wahrer als manches, das uns wahr dünkt“, sagt der Grimmforscher Ludwig Denecke. „Beide sprechen von uns, von unseren Gedanken und Gefühlen, unseren Hoffnungen, Ängsten und Wünschen im Leben. Beide sprechen damit auch von unseren Erfahrungen mit Gott.“

Gut und Böse sind im Märchen allerdings personifiziert, etwa in der bösen Stiefmutter oder der Hexe. Die „Bösen“ sind, anders als in der Bibel, keine Individuen, sondern Typen. Deshalb verändern sie sich auch nicht im Laufe der Geschichte. Im Märchen bleibt das Gute immer gut, das Böse bleibt böse, hässlich und faul. Und warum es Gut und Böse überhaupt gibt, das beantwortet das Märchen nicht. Ebenso wenig wie die Frage nach einem Leben nach dem Tod. „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ ist der übliche Schlusssatz, das Jenseits spielt keine Rolle.

Der Religionspädagoge und Pfarrer Joachim Dietermann hält Märchen in der Erziehung für sinnvoll und findet, sie sollten auch in kirchlichen Kindertagesstätten ihren Platz haben. Er möchte aber deutlich zwischen Märchen und biblischen Geschichten unterscheiden: „Märchen sind hilfreich für die kindliche Entwicklung, zum Beispiel zur Bewältigung von Ängsten. Biblische Geschichten nehmen Kinder mit hinein in die Hoffnungsgeschichten jüdischer und christlicher Menschen, deren Autorität in ihrer glaubwürdigen Menschlichkeit liegt – auch über die Kindheit hinaus. Die biblischen Geschichten erschließen den Kindern ihre eigene christliche Tradition. Ohne sie kann ich mir christliche Erziehung nicht vorstellen.“

Märchen sind weltlich. Aber sie können durchaus Vorerfahrungen des Glaubens vermitteln. Kinder und Erwachsene können aus ihnen die „Weisheit des Lebens und die Erfahrung der Menschen miteinander“ lernen, so der Märchenforscher Denecke, aus der Bibel darüber hinaus aber die Weisheit des Glaubens und die Erfahrung mit Gott.

Gott und die Grimms

Gott und Glauben kommen in fast allen Grimmschen Märchen vor. Jakob und Wilhelm Grimm kamen aus einem protestantisch geprägten Elternhaus und ließen in ihre Anfang des 19. Jahrhunderts veröffentlichte Märchensammlung auch religiöse Begriffe einfließen. Schon im Vorwort zur ersten Auflage schwärmen sie von der „segnenden Kraft“ der Märchen, die ähnlich der Bibel der „Erbauung“ dienen sollten.

Allerdings: Die Erwähnung von Gott beschränkt sich in fast allen Märchen auf Ausrufe und Redewendungen. „Ach Gott“ ruft Schneewittchen, klagt die Mutter der sieben Geißlein, seufzen die kluge Else, Daumendick und der arme Müllersbursche. Da heißen die böse Königin und die Hexe „gottlos“, werden Entscheidungen „in Gottes Namen“ getroffen, „durch Gottes Gnade“ Verwunschene erlöst, da soll Gott segnen, behüten, wird sich auf Gott verlassen und Gott gedankt. Von 49 Märchen wird Gott in rund der Hälfte genannt, und auch Schutzengel (Schneeweißchen und Rosenrot), das „Christkindlein“ (Die Bremer Stadtmusikanten), die Bibel (Die zwölf Brüder), Pfarrer (König Drosselbart, Die Goldene Gans) und der Himmel werden erwähnt. Und zweimal („Der Arme und der Reiche“, „Der Gevatter Tod“) tritt der „liebe Gott“ sogar persönlich auf.


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