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Harter Tobak: "Nowhere Special" ist Film des Monats

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Die Thematik könnte kaum dramatischer sein, trotzdem erzählt "Nowhere Special" die bewegende Geschichte eines alleinerziehenden Vaters ohne Sentimentalität und zudem auch noch unterhaltsam. Der Film kommt ist der Kino-Monatstipp für Oktober der Evangelischen Filmjury.

Sein 33. Geburtstag wird der letzte sein, den der todkranke Vater John erlebt. | Foto: Piffl Medien
Sein 33. Geburtstag wird der letzte sein, den der todkranke Vater John erlebt. | Foto: Piffl Medien

John wird sterben. Bald. Der 33 Jahre alte Fensterputzer aus Dublin ist todkrank. Aber John hat einen Sohn namens Michael, drei Jahre alt, den er allein erzieht. John hat keine Familie und keine Freund:innen als Beistand, weil er selbst in Waisenhäusern aufgewachsen ist und so hart und abweisend war, wie er es dort gelernt hat. Aber was wird aus Michael? Wo wird der kleine Junge leben?

Um eine Lösung zu finden, gehen John und eine Vertreterin des Jugendamts einen ungewöhnlichen Weg: Sie besuchen mit Michael die unterschiedlichen Menschen, die ein Kind adoptieren wollen, damit John für sein Kind die bestmögliche Zukunft aussuchen kann. So erleben John und sein Sohn verschiedene Modelle wie die Patchwork-Familie, die Frau, die allein einem Kind ihre Liebe geben will, das reiche Paar, das sich einen Erben wünscht. Und sie erleben die verschiedenen Klassen, die in der britischen Gesellschaft nach wie vor stark ausgeprägt sind.

Diese Prämisse klingt nach einer Konstruktion für sentimentale Effekte. Aber Regisseur und Drehbuchautor Uberto Pasolini vermeidet jeden Kitsch. Er verzichtet fast vollständig auf Musik, bleibt oft mit der Handkamera an den Menschen und deutet viele Gefühle und Überlegungen nur an. So entsteht der Eindruck von Realität und Ehrlichkeit. Denn Ehrlichkeit ist ein Thema des Films: John muss sich ehrlich eingestehen, dass er stirbt. Er muss sich ehrlich eingestehen, dass die Trennung von seinem Sohn kurz bevorsteht.

Und er muss ehrlich mit seinem Sohn über den Tod reden.

Alle diese Entscheidungen sind innere Kämpfe – James Norton in der Hauptrolle lässt die Zuschauer:innen auf bewegende Weise an diesen Kämpfen teilhaben. Und er macht einen fast vergessenen Typus wieder sichtbar, den Working-Class-Hero, den Arbeiter, der nicht bewundernd zu den Besserverdienenden aufblickt. Damit ist "Nowhere Special" auch die Rückkehr eines starken Stücks britischer Filmtradition.

Die Evangelische Filmjury hat den Film, der am 7. Oktober in Deutschland startete, zum Film des Monats gewählt.


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