Kunst & Kultur

Muslimische Mode ist cool. Das Label „Modest Fashion“ ist es nicht.

Bis zum 1. September ist im Museum für Angewandte Kunst die Ausstellung „Contemporary Muslim Fashion“ zu sehen. Gezeigt wird muslimische Mode von verschiedenen Designerinnen sowie Kunstwerke, die sich mit dem Thema auseinandersetzen.

Als erstes Museum in Europa zeigt das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt die Ausstellung "Zeigtenössische Muslimische Mode", die ursprünglich in San Francisco entwickelt wurde. | Foto: Antje Schrupp
Als erstes Museum in Europa zeigt das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt die Ausstellung "Zeigtenössische Muslimische Mode", die ursprünglich in San Francisco entwickelt wurde. | Foto: Antje Schrupp

Auch wenn im Vorfeld erregt und erhitzt und mit einer guten Prise Verschwörungstheorie über die Ausstellung zu muslimischer Mode im Museum für Angewandte Kunst diskutiert worden ist, so ist die Schau gänzlich harmlos. Aber es scheint inzwischen eine schlechte Angewohnheit in Deutschland zu sein, dass alles, was auch nur im Entferntesten mit dem Islam zu tun hat, hysterische Debatten auslöst.

Die von Max Hollein an den deYoung Fine Arts Museums in San Francisco entwickelte Ausstellung (die um Exponate aus dem deutschsprachigen Raum ergänzt wurde) zeigt vor allem Arbeiten jüngerer Künstlerinnen. 40 Prozent der ausgestellten Stücke stammten von Frauen zwischen 25 und 35 Jahren, betonte Kuratorin Jill D’Alessandro bei der Pressevorstellung. Es ist eine Generation von Frauen, die erst nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erwachsen wurde, die selbstbewusst zu ihren religiösen und kulturellen Wurzeln steht und gleichzeitig positive Rollenvorbilder in einer globalisierten Welt geben will.

Zusammengefasst wird dieser Modetrend heute unter dem Schlagwort „Modest Fashion“, in der deutschen Ankündigung mit „dezente Mode“ übersetzt – was für emanzipierte Ohren immerhin besser klingt als „bescheidene“ Mode, wie man es auch übersetzen könnte. Laut Presseankündigung ist damit „eine bestimme Form von zurückhaltender, weniger körperbetonter Kleidung, die vor allem in religiösen Traditionen wurzelt“ gemeint.

Dieser Trend ist nicht nur ein muslimischer. Einige der ausgestellten Labels produzieren dezidiert „religionsneutral“. Längst gibt es auch jüdisch-orthodoxe Modelabels, die ebenfalls „Modest Fashion“ anbieten, und für Frauen, die diesbezüglich ein christliches Statement setzen möchten, gibt es inzwischen „Prairie Dresses“, die sich an der Western-Mode des 19. Jahrhunderts orientieren und ebenfalls hochaufgeschlossen und locker wallend daherkommen. Doch auch Frauen, die mit Religion gar nichts am Hut haben, haben keine Lust mehr auf hochgeschnürte Brüste, erkältungsanfällige Dekolletés oder wackelige High-Heels und greifen zum „Modest“-Label.

Der Trend zu bequemer, körperbedeckender Kleidung für Frauen ist ganz sicher nicht zu verstehen ohne die Gegenseite, auf die er eine Antwort gibt: nämlich die absurde Zurichtung weiblicher Körper durch den unbequemen, geradezu gesundheitsgefährdeten Modestil, der sich in westlichen Zivilisationen aus der so genannten „sexuellen Befreiung“ der 1968er entwickelt hat. Zum Beispiel ist muslimische Mode für eine größere Bandbreite an Körperformen geeignet als das, was üblicherweise unter „Fashion“ läuft und höchstens bis Kleidergröße 40 funktioniert – und das ist aus feministischer Perspektive ein dicker Pluspunkt.

Aber: Soll es für Frauen wirklich erstrebenswert sein, „bescheiden“ zu wirken? Wollen wir eine Welt, in der Frauen „dezent“ auftreten? Oder geht es nicht um eine Welt, in der Frauen laut, bunt, stark, sichtbar und hörbar sind? Darum, dass Frauen Regeln und Normen, die ihnen nicht gefallen, durchbrechen und sich gegenseitig darin bestärken, das zu tun, ohne sich Traditionen und kulturellen Regeln unterzuordnen?

Dass es die muslimischen Designerinnen und Influencerinnen, die sich seit Jahren um einen bequemeren Modestil bemühen, es jetzt mit diesem Trend ins Museum geschafft haben, ist so gesehen ein performativer Widerspruch. Sie melden sich zu Wort, und zwar glücklicherweise ganz und gar nicht dezent oder bescheiden. Genau das ist auch die Stärke und der Verdienst dieser Schau, und der Grund, warum ihr unbedingt zu applaudieren ist: Hier werden Perspektiven und Sichtweisen öffentliche Aufmerksamkeit verschafft, die ansonsten selten gesehen und gehört werden.

Wenn aber Museumsdirektor Matthias Wagner K sagt, dass in der Ausstellung „auch“ kritische Beiträge zur Bekleidungspflicht zu sehen sind, gehen bei mir die Alarmglocken an. Wieso „auch“? Ich will doch hoffen, dass alle der hier gezeigten Designerinnen gegen einen Bedeckungs-Zwang für Frauen sind. Ich will auch hoffen, dass Werke wie die Video-Installation „Turbulent“ der iranischen Exil-Künstlerin Shirin Neshat, die die Einschränkungen weiblicher Freiheiten kritisiert, nicht als Gegenpol zu den anderen Ausstellungsstücken verstanden wird, sondern als Ergänzung. Das Werk allein ist in seiner Eindrücklichkeit im Übrigen einen Besuch der Ausstellung wert.

So großartig Shirin Neshat ist, ihre Arbeit darf nicht als Relativierung oder Ausgleich zu den ansonstigen Aussagen der Ausstellung verstanden werden. Die radikalen Mullahs im Iran sind ja nicht das Problem. Was von denen zu halten ist, ist doch (hoffentlich) klar.

Das Problem sind vielmehr die angeblich „gemäßigten“ Religionsvertreter, nicht nur, aber auch im Islam, die schon immer und auch heute noch versuchen, Frauen in „gute“ und „schlechte“ einzuteilen. Und zwar genau entlang der Linie ihrer „Bescheidenheit“ und „Dezentheit“. Sie könnten in Ausstellungen wie dieser tatsächlich eine Ermutigung und Bestätigung sehen, weshalb dem deutlich widersprochen werden muss. Im umfangreichen Rahmenprogramm geschieht dies hoffentlich deutlicher als in der Schau selbst. Hier der Link zum Veranstaltungskalender.

Mein Fazit lautet jedenfalls: Muslimische Mode ist cool. Das Label „Modest Fashion“ ist es nicht.


Autorin

Antje Schrupp 114 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

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