Kunst & Kultur

Neues im Gepäck: Ausstellung wirft einen vielfältigen Blick auf Migration

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Innenminister Horst Seehofer (CSU) bezeichnete die Flüchtlingsfrage als „Mutter aller politischen Probleme“. Junge Menschen sind genervt von der Frage nach ihrer Herkunft. Eine Ausstellung im Weltkulturen-Museum will mit Klischees aufräumen.

Die Ausstellung "Weltenbewegend" im Weltkulturen-Museum ist noch bis August nächsten Jahres zu sehen. | Foto: Wolfgang Günzel
Die Ausstellung "Weltenbewegend" im Weltkulturen-Museum ist noch bis August nächsten Jahres zu sehen. | Foto: Wolfgang Günzel

„In den frühen Morgenstunden, stich in See und fliege auf den Wellen dahin. Halte Kurs auf den fernen Horizont“ steht in dunkelblauen Buchstaben an der Wand. Auf der Treppe vom Erdgeschoss ins erste Obergeschoss des Weltkulturen-Museums in Frankfurt begibt man sich als Besucherin selbst auf eine Reise. Die Sprüche sind Auszüge aus einer mündlichen Tradition über den Seeweg von Havai’i (dem altertümlichen Namen von Ra’iatea) im Archipel der Gesellschaftsinseln über die Tuamotu- und Marquesas-Inseln nach Hawaii.

Die Botschaft der Ausstellung „Weltenbewegend. Migration macht Geschichten“: Menschen waren und sind ständig in Bewegung. Mit ihnen kommen auch neue Lebensstile, Sprachen, Musik, Kunst und Handwerk. „Migration bedeutet nicht nur Flucht und Konflikt, sondern ist auch immer wieder ein Motor für neue Wege des Zusammenlebens und eine Quelle neuer Ideen“, sagt Museumsleiterin Eva Raabe.

Die am 24. Oktober eröffnete Schau ist bis Ende August 2020 zu sehen. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums haben sie gemeinsam kuratiert. Ausgehend von den eigenen Sammlungen greift das Museum dabei auf, wie die verschiedenen Kulturen der Welt schon seit jeher im Austausch stehen: Ob durch historische Siedlungsbewegungen, Arbeitsmigration oder Globalisierung. Die präsentierten Beispiele reichen von der austronesischen Migration in den Pazifik und der kulturellen Aneignung zunächst fremder Musikinstrumente in Indonesien über die Verschmelzung und den Import religiöser Praktiken bis hin zur modernen Reisekultur.

Im Obergeschoss angekommen, sieht vieles gar nicht so exotisch und unbekannt aus: Da steht zum Beispiel eine kleine Buddha-Figur auf einem Regal. Daneben Kerzen und Blüten. So kennen es inzwischen die meisten etwa aus thailändischen Massagestudios. Vieles, was längst vertraut wirkt, erweist sich auf den zweiten Blick doch als „Import“, wie Leiterin Raabe betont.

Für die Ausstellung wurden Filme über die religiöse Präsenz von Migrantinnen und Migranten in Frankfurt in Kooperation mit dem Institut für Medienwissenschaften der FH Mainz produziert. Gezeigt werden Interviews zum Beispiel mit einem aus Portugal stammenden Bäcker, der in Frankfurt-Preungesheim sowohl deutsche Backwaren als auch solche nach dem Rezept seiner Heimat verkauft.

Die Ausstellung lebt von Menschen. Überall sind Fotografien und Filmausschnitte zu sehen. Das Fotoprojekt „Little North Road“ zeigt afrikanische Menschen in China. Eine richtige Community habe sich dort inzwischen gebildet, erklärt Kuratorin Julia Friedel. Manchmal nur kurz, etwa um Kleidung zu kaufen. Oft aber auch länger, um sich beruflich etwas aufzubauen. Die Chancen dort seien oftmals besser als in der Heimat.

Viele versuchten sich mit Handel eine Existenz aufzubauen, sagt Friedel. Das ist nicht einfach. Denn häufig seien die Menschen Rassismus ausgesetzt, berichtet der Fotograf Daniel Traub. Der New Yorker hat selbst einige Jahre in China gelebt. In Zusammenarbeit mit den zwei chinesischen Künstlern Wu Yong Fu und Zeng Xian Fang ist das Projekt entstanden. Einige der insgesamt 25.000 Fotos sind nun in Frankfurt zu sehen. Die abgelichteten afrikanischen Migrantinnen und Migranten posieren mit ihrer meist farbenfrohen Mode vor der tristen Kulisse der Stadt Guangzhou.

Ein paar Bilder sind auch in der Zeitung „Weltkulturen-News“ zu sehen. Das Format ist neu und statt eines Katalogs erhältlich. Auch in Deutschland müssen sich Eingewanderte – oder sogar deren Kinder noch – oftmals die Frage „Woher kommst du?“ anhören. Bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Zugehörigkeit spielten die sozialen Netzwerke eine große Rolle, erklärt Kuratorin Leonie Neumann. Unter Hashtags wie „#metwo“ und „#vonhier“ posteten Migrantinnen und Migranten ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus auf Twitter. Auch eine Folge des Podcasts „Safransirup“ kann man sich anhören. Darin beschäftigen sich die jungen Autoren Tareq und Adrian mit Stereotypen gegenüber der arabischen Welt.

Das niederländisch-molukkische Künstlerkollektiv „Teru“ zeigt in seinem Kooperationsprojekt „Mahina“, wie Frauen der zweiten und dritten Generation ihre Identität verhandeln. Dafür wählten die portraitierten Frauen Objekte aus der Ostindonesien-Sammlung des Museums aus, um ihre Geschichten zu unterstreichen. Eine von ihnen ist Demelza Jemima Ranck. Sie ist an Hals, Oberarm und Dekolleté tätowiert. Alle ihre Tätowierungen haben eine Bedeutung. Am wichtigsten ist ihr der Schriftzug: „Unconditional love“ (bedingungslose Liebe), der sich auf ihren Bruder bezieht. Bei ihm findet sie in schweren Zeiten Schutz.

Die Ausstellung im Weltkulturen-Museum, Schaumainkai 29, ist dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 20 Uhr geöffnet. Es gibt ein Begleitprogramm mit Führungen, Vorträgen und Workshops für Kinder. www.weltkulturenmuseum.de.


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epd 60 Artikel

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