Kunst & Kultur

Magische Momente im Raum: Nicole Ahland

Nicole Ahland ist die erste "Jahreskünstlerin" der Evangelischen Akademie Frankfurt. Ein Jahr lang sind ihre Arbeiten in den Räumlichkeiten am Römerberg zu sehen. Das Projekt ist eine Kooperation mit der Heussenstamm-Stiftung.

Künstlerin Nicole Ahland bei der Vernissage am Römerberg. | Foto: Rolf Oeser
Künstlerin Nicole Ahland bei der Vernissage am Römerberg. | Foto: Rolf Oeser

Verwunschen wirken die Häuser des Dorfes, eingesunken ins Grün des bewaldeten Hanges. Verschwommen und unscharf die Konturen – im Fokus der Kamera liegt vielmehr das Fensterkreuz im Vordergrund und die dort angeheftete Fotografie. Die großformatige Arbeit der Fotokünstlerin Nicole Ahland steht in starkem Kontrast zur hellen Nüchternheit der Lounge im Erdgeschoss der Evangelischen Akademie Frankfurt. Das Bild, das den Blick durchs Fenster ins Freie suggeriert, verdeckt eine reale Fensterscheibe. Was dahinter zu sehen wäre, bleibt Geheimnis, dem Betrachter verborgen.

Es sind solche subtilen Irritationen und Doppelbödigkeiten, die in den Fotografien von Ahland immer wieder begegnen. Als erste Künstlerin bespielt sie mit ihren Bildern die Räume der Akademie für ein Jahr. Das Format einer „Jahreskünstlerin“ verdankt sich einer neuen Kooperation der Akademie mit der Frankfurter Heussenstamm-Stiftung. Deren Geschäftsführer und Kurator Christian Kaufmann, der selbst 17 Jahre lang Studienleiter an der Akademie war, hat den Kontakt hergestellt. Er attestiert Ahland eine „souveräne Art, sich den Raum anzueignen“, ein „Spiel mit Realitäten“, das Fenster verschließe um neue aufzumachen – wie eben in der Lounge zu erleben.

Etwa 30 Arbeiten hat Nicole Ahland im Gebäude am Römerberg verteilt, das mit seinen großen Fensterflächen und verschachtelten Strukturen ein eigenwilliger Partner ist. Sie habe mit ihrer Kunst hier „ein gutes Zuhause gefunden“, sagt Ahland bei der Vernissage, und der Rundgang bietet überzeugende Aussagen im Dialog mit der Architektur – etwa ganz oben, an der Dachschräge neben dem Panoramasaal, wo ein weiteres Großformat hängt: ein kaputtes Dach, durch dessen Loch der Blick ins Helle gezogen wird. Das Pendant zum Fensterblick im Erdgeschoss.

In einem der Seminarräume hängen Bilder, in denen sich der Raum durch wenige Elemente und starke hell-dunkel-Kontraste konstituiert, dramatisch inszeniert auf einer „Bühne des Lichts“, wie Kaufmann sagt. Eines ist aufs Äußerste reduziert – zwei vertikale, ein horizontaler heller Strich in einem schwarzen Raum, der durch einen schemenhaften Schatten nur zu erahnen ist. Die Grenzen zur abstrakten Malerei werden fließend. Und doch entdecken die Betrachter auch Konkretes – „Licht, das unter einem Türspalt durchdringt“. In einer anderen Fotografie scheinen sich verschiedene Ebenen, Abstraktes und Konkretes, unauflöslich zu durchdringen. Bilder, „aus denen unser Blick nicht wieder herausfindet“, wie Kaufmann sagt.

„Mich faszinieren die magischen und geheimnisvollen Momente“, sagt die 1970 geborene Künstlerin. Die finden sich auch in den Fotografien, die in einem zweiten Seminarraum hängen und mit klar erkennbaren, erzählerischen Motiven arbeiten: „Man findet sich besser zurecht – auf den ersten Blick“, sagt Ahland. Die Räume und Objekte – ein leerer Dachboden, ein Korridor, eine durchbrochene Wand, gestapelte Hölzer in einer Ecke – wirken vergessen, verlassen, aus der Zeit gefallen. Vieles wirkt zufällig und ist doch sorgfältig arrangiert. Ahland arbeitet analog, mit Filmrollen und ohne Nachbearbeitung, verbringt nach eigener Aussage sehr viel Zeit an den Orten, die sie fotografiert und überlässt nichts dem Zufall.

Je länger und intensiver man die Bilder betrachtet, desto klarer wird – es geht im Grunde um das, was nicht sichtbar ist. „Fotografie hat für mich nichts mit vordergründiger Realität zu tun“, sagt Ahland. Ihre subtilen und vielschichtigen Werke brauchen Zeit und Aufmerksamkeit, ziehen aber auch unmittelbar an. Das zeigt sich beim Rundgang. Interessant wird sein, wie die Bilder im Alltag auf die Tagungsteilnehmer:innen und Mitarbeitenden wirken werden. „Im besten Fall werden sie die Gedanken inspirieren“, hofft Nicole Ahland.


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Jörg Echtler 7 Artikel

Jörg Echtler studierte Kirchenmusik, Musiktheorie und Germanistik und arbeitet als freier Journalist in Frankfurt und Offenbach.

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