Kunst & Kultur

Singen mit Abstand

Chorarbeit unter Corona-Bedingungen ist ein schwieriges Unternehmen – dennoch treffen sich etliche Chöre wieder und sammeln neue Erfahrungen. Von unserem Gastautor Jörg Echtler.

Der Kirchenchor der Gemeinde Nieder-Erlenbach im Frankfurter Norden probt wegen Corona im Freien. | Foto: Tim Wegner / epd-Bild
Der Kirchenchor der Gemeinde Nieder-Erlenbach im Frankfurter Norden probt wegen Corona im Freien. | Foto: Tim Wegner / epd-Bild

Mittwochabend, kurz vor 19 Uhr. Einzeln, nach und nach betreten die Sängerinnen und Sänger der Kantorei die Thomaskirche in Frankfurt-Heddernheim. Am Ende sind es auch nicht 70 Leute, die vorne stehen – so stark wäre der Chor normalerweise. Lediglich acht Sängerinnen und Sänger haben sich rund um die Vierung, auf den Stufen des Altars und in den ersten Bankreihen platziert. Jeder hat einen Notenständer vor sich, darauf liegen vorbereitete Noten und Bleistifte. Begrüßung per Zuruf, man bleibt auf Distanz.

Kantor Tobias Koriath steht am Orgelpositiv in der Mitte und hebt die Hand. Zu Beginn der Probe lässt er Intervallfolgen singen, da ist Aufmerksamkeit gefragt. „Hört genau hin“, ruft Koriath. Die im Kirchenraum vereinzelten Sängerinnen und Sänger sind konzentriert bei der Sache.

Seit Anfang Juni gibt es in der Thomasgemeinde wieder Chorproben, allerdings unter stark veränderten Vorzeichen, nach einem ausgeklügelten Konzept, das den Hygiene- und Abstandsregeln während der andauernden Corona-Pandemie Rechnung trägt. Aus Mitgliedern der Kantorei und des „Chores am Vormittag“ hat Kantor Koriath zehn kleine Gruppen gebildet, die sich einmal pro Woche vormittags oder abends treffen. Keine Probe dauert länger als 60 Minuten, sie finden abwechselnd in Kirche und Gemeindesaal statt, so dass auch die Durchlüftung gewährleistet ist.

Die Zusammensetzung der Gruppen ist sehr individuell, es gibt gemischte, aber auch reine Männer- und Frauenrunden. Jedes Ensemble probt demnach auch sein eigenes Programm. Statt Kantaten und Oratorien gibt es nun Motetten, Choralsätze und andere A-cappella-Stücke. Einiges davon wird dann auch im Gottesdienst gesungen. Durch die geringe Größe der Gruppen ist jede und jeder einzelne Mitwirkende entscheidend. „Man muss mit der Stimme rausrücken, kann sich nicht hinter anderen verstecken“, sagt Mitsängerin Cornelia Rost. „Das ist ein super Training.“

Eine besondere Herausforderung ist das Proben unter Corona-Bedingungen aber auch für den Chorleiter. „Ich wollte den Kontakt unbedingt halten“, sagt Koriath. Deshalb hat er im März, als der Lockdown kam, gleich nach Alternativen gesucht. Drei Chorproben hat er auf Video aufgenommen und über die Homepage der Kantorei verbreitet. Musikalisches Training für daheim, angereichert mit humorvollen „Gimmicks“, etwa einem Gewinnspiel zu Ostern. „Viel Arbeit, die mir aber auch enorm Spaß gemacht hat“, sagt der Musiker.

Doch das Hauptproblem bei Online-Chorproben, dass man sich gegenseitig nicht hört, ist technisch nicht gelöst. Und so startet Koriath im Mai, als erste Lockerungen in Sicht kommen, eine Umfrage unter den Sängerinnen und Sängern: „Über 90 Prozent wollten sich wieder zum Proben treffen.“

Bettina Strübel, Kantorin an der Lutherkirche Offenbach, hat den Kontakt zu ihrer Kantorei über einen wöchentlichen Chorbrief aufrechterhalten. Inzwischen trifft sie sich mit Einzelnen wieder in der geräumigen Kirche, um Stücke für den Gottesdienst vorzubereiten. Dabei hilft ihr die Digitaltechnik der Orgel, die vorher aufgenommene Musik selbstständig abspielen kann, so dass die Kantorin auch selbst im Ensemble mitsingen kann. „Eine super Möglichkeit, die ich bisher kaum genutzt habe“, sagt Strübel. Auch Online-Proben über die Plattform Zoom hat sie ausprobiert. „Aber mehrstimmig zu singen, ist einfach extrem schwierig“, so ihre Erfahrung.

Dass es noch eine ganze Weile im Krisenmodus weitergehen wird, mutmaßt Landeskirchenmusikdirektorin Christa Kirschbaum. Auf den Internetseiten des Zentrums Verkündigung werden die Empfehlungen für die Kirchenmusik in Anlehnung an die staatlichen Vorgaben fortlaufend aktualisiert. „Solange es aber keinen Impfstoff gibt, sehe ich das Singen in kleinen Gruppen als die einzige Möglichkeit“, macht Kirschbaum klar. Sie empfiehlt den Chorleitenden, im Ausnahmezustand kreative Lösungen zu suchen. In kleinen Landgemeinden mit nebenamtlichen Kräften seien die natürlich schwerer umzusetzen. Auf einer eigenen Website habe man Ideen gebündelt, was möglich ist – von der Stimmbildung bis zum gemeinsamen Entdecken des Kirchenraumes. Beispiele, die zur Nachahmung einladen sollen. Selbst wenn nicht gesungen werden soll, gibt es Möglichkeiten – „denn der Chor ist ja auch ein soziales Gefüge, eine wichtige Gemeinschaft“, so Kirschbaum.

Die Situation biete auch die Chance auf Entwicklungen, die über die Krise hinaus neue Perspektiven eröffnen. „Vielleicht konzentrieren wir uns stärker auf kleinere Formate und lokale Initiativen“, sagt Christa Kirschbaum. „Und warum nicht alte Traditionen wie das Kurrende-Singen neu beleben – etwa in Seniorenheimen?“

Den Gemeindegesang vermisst Kirschbaum ebenso wie die meisten Kirchenmusiker-Kollegen und Kirchgänger. „Ich möchte aber nicht, dass sich die Krankheit ausgerechnet bei uns in den Kirchen wieder verbreitet.“ Die Beispiele vom Berliner Domchor und aus der Baptistengemeinde in Frankfurt haben sich im kollektiven Gedächtnis festgesetzt. „Singen ist gefährlich – das ist leider hängengeblieben“, sagt Tobias Koriath. Mit aller gebotenen Vorsicht und trotzdem vielen Ideen wollen er und seine Kolleginnen und Kollegen in der Landeskirche diesem Eindruck entgegentreten.


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Regelmäßig veröffentlichen wir im EFO-Magazin Gastbeiträge von Frankfurter und Offenbacher Pfarrerinnen und Pfarrern oder anderen interessanten Persönlichkeiten.

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