Kunst & Kultur

Comedian Boujemaa Tajjiou: „Ventile zum Spott kennt der Islam auch“

Das Vorurteil, im Islam habe Humor keinen Platz, hält sich hartnäckig. Warum das nicht stimmt, welche Grenzen aber die Witzigkeit im Glauben hat, hat uns der muslimische Stand-Up-Comedian Boujemaa Tajjiou aus Offenbach erklärt.

Boujemaa Tajjiou (34) ist Pädagoge, angehender Islamwissenschaftler und Stand-Up-Comedian.
Boujemaa Tajjiou (34) ist Pädagoge, angehender Islamwissenschaftler und Stand-Up-Comedian.

Herr Tajjiou, bald ist Fastnacht. Ist das etwas für Sie?

Ich bin gebürtiger Mainzer, da ist eine gewisse Affinität schon da. Als Kind war ich natürlich verkleidet beim Umzug, und auch mit meinen beiden Töchtern würde ich dieses Jahr wohl gehen, wenn er stattfinden würde. Aber Büttenreden treffen meinen Humor nicht so richtig, da bin ich ehrlich. Aber das geht ja vielen Menschen so, egal welcher Religionszugehörigkeit.


Christinnen und Christen, vor allem katholischen Glaubens, haben sich immer gern an der Fastnacht beteiligt, auch einige Kirchengemeinden sind immer dabei. Gibt es im Islam etwas Vergleichbares?

Nicht direkt. Aber die Idee, dass Menschen ein Ventil brauchen, um mal ganz offen spöttisch und ausgelassen zu sein, das kennen wir natürlich auch. Im Islam gibt es eine lange Geschichte spöttischer Lyrik, in der Mächtige direkt oder indirekt angegriffen wurden – gerne wurde auch mit Wortspielen gearbeitet.


Welche Rolle spielt Humor im Islam?

Ich glaube, dass Humor bei Menschen muslimischen Glaubens dieselbe Rolle spielt, wie bei Menschen anderer oder keiner Religionszugehörigkeit. Bei all den unterschiedlichen und vielfältigen Lesarten der islamischen Religion gibt es keine Interpretation, in der Humor verteufelt oder verboten wird. Wie in anderen Kulturen auch, lassen sich hier strengere und lockerere Einstellungen zu diesem Thema finden und individuelles Empfinden davon, was witzig ist oder nicht. In der islamischen Tradition, also in der jahrhundertalten Geschichte von muslimischen Dichtern, Künstlern und Gelehrten, tauchen immer wieder witzige Anekdoten und Geschichten auf.


Worüber dürfen Muslime lachen?

Die Vorstellung, dass Menschen muslimischen Glaubens all ihre Handlungen nach normativen Aspekten bewerten, hat mit der Realität der meisten Muslim:innen wenig zu tun. Je nach Sozialisation, Religiosität, Bildungsstand und anderen Faktoren etablieren sich individuelle Tabus, die als unangebracht gelten.


Worüber lacht man nicht? Oft heißt es ja, Muslime seien humorlos.

Jede Person wird gekränkt sein, wenn Dinge verspottet werden, die für die betroffene Person wertvoll oder heilig sind. Hierin bilden Muslim:innen keine Ausnahme. Kein Mensch hört es gerne, wenn geliebte Menschen, Glaubensgrundsätze oder Überzeugungen verspottet werden.


Das mit der Humorlosigkeit stimmt aber nicht, oder?

Humor ist eine menschliche Eigenschaft. Diese infrage zu stellen wäre eine Entmenschlichung von Muslim:innen. Das wiederum ist Grundlage von antimuslimischem Rassismus.


Woher kommt die Zuschreibung?

Muslim:innen werden sehr stark als „die Anderen“ wahrgenommen, das gilt ja für viele Themenbereiche. Es gab einen Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris, den haben aber fast alle Menschen muslimischen Glaubens verurteilt. Das war entsetzlich. Aber es hat mit dem Islam nichts zu tun. Ich bin selbst in der Extremismus-Prävention aktiv.


Ist der Koran an manchen Stellen witzig?

Der koranische Text selbst hat den Anspruch, Licht, Leitung und Barmherzigkeit zu sein. Der Koran als Offenbarungstext hat nicht den Anspruch witzig zu sein. Wir glauben, dass der Koran das Wort Gottes ist. Gott selbst ist ganz anders als seine Schöpfung. Daher kann Humor oder die Eigenschaft „witzig“ als etwas grundsätzlich Menschliches nicht auf den Koran zutreffen. In der islamischen Tradition heißt es, dass der Prophet Muhammad ein „wandelnder Koran“ sei. Der Prophet Muhammad selbst hat gescherzt und war laut mehrerer Überlieferungen humorvoll im Umgang mit seiner Familie und seinen Gefährten.


Wie geht ein typisch muslimischer Witz?

Es gibt kein „typisch muslimisch“. Auch wenn Stereotype nicht immer falsch sind, so sind sie immer unvollständig. Das macht sie so heimtückisch. Muslimisches Leben ist so krass vielfältig, dass jegliche Vorstellung von einem „typisch muslimisch“ im harmlosesten Fall falsch, in manchen Fällen gefährlich, etwa beim antimuslimischen Rassismus, sein kann. Aber ich kann Ihnen gerne einen kurzen Joke, einen sogenannten One-Liner, von mir erzählen: Es gibt zwei Kanaken-Klischees, die ich erfülle: Ich habe Angst vor Hunden und ich kann schlecht schwimmen. Das heißt, mein größter Alptraum ist ein nasser Hund.


Welche Grenzen hat Humor, wenn es um Religion geht?

Es gibt ja tatsächlich gesetzliche Grenzen von Rede- und Kunstfreiheit. Ich glaube, dass diese Gesetze reichen. Innerhalb dieser weiten Grenzen kann und soll natürlich jede Person über Alles und Jeden/Jede Witze machen. Was ja auch bereits der Fall ist. Grenzen von Humor sind ja allgemeingültig und nicht nur in Bezug auf Religion. Immer wenn Menschen in ihrer Würde verletzt oder diskriminiert werden ist das problematisch. Dass Frau Merkels Aussehen immer wieder Gegenstand von politischer Satire ist, mag erlaubt sein, das macht es dennoch nicht weniger sexistisch.


Boujemaa Tajjiou (34) ist Pädagoge, angehender Islamwissenschaftler und Stand-Up-Comedian. Zusammen mit Samed Warug moderiert er eine Show in Frankfurt, „Die Comedy-Werkstatt“. Diese findet jeden dritten Freitag im Monat im Tattoo Studio myStory (Hanauer Landstraße 64) mit wechselnden Künstler:innen statt. Instagram: www.instagram.com/boujemaaaa , Facebook: www.facebook.com/BoujemaaComedy


Autorin

Anne Lemhöfer 117 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de

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