Kunst & Kultur

Warum das Singen für Evangelische so wichtig ist

Sei es im Gottesdienst oder im Chor: Den evangelischen Gemeinden hat während Corona wenig so sehr gefehlt, wie der Gesang. Denn im Protestantismus sind Lieder Bestandteil der Liturgie.

Singen hat im Protestantismus schon seit Luther auch eine theologische Bedeutung. | Foto: Rolf  Oeser
Singen hat im Protestantismus schon seit Luther auch eine theologische Bedeutung. | Foto: Rolf Oeser

Neun Jahre lang sang Almut Wilske mit großer Begeisterung in der Epiphaniaskantorei der Petersgemeinde. Bis es 2020 unter Corona-Bedingungen plötzlich nicht mehr möglich war. „Beim Chorsingen geht es ja nicht nur um Stücke von Bach, sondern auch um die Menschen, mit denen man das zusammen macht“, sagt sie. Über die Jahre seien gute Beziehungen und Freundschaften entstanden. „In der Pandemie haben wir es so vermisst, uns regelmäßig zu sehen.“

Chorsingen ist per se ein Gemeinschaftserlebnis: Viele Menschen gemeinsam erschaffen einen Klang und erleben ihn gleichzeitig mit. Epiphanias-Kantor Michael Riedel hat, wie viele andere auch, zwar schon nach kurzer Zeit auf der Internetplattform Zoom Proben für die verschiedenen Einzelstimmen wie Sopran und Tenor angeboten. Aber alleine zuhause vor dem Laptop zu singen, ist einfach kein Ersatz für die gemeinsame Erfahrung.

Zusammen Singen ist uralt. Schon in der Frühzeit der Menschen spielte das Singen eine zentrale Rolle für die Gemeinschaft, darüber ist man sich in der Forschung einig. Schon die ersten Menschen sangen – zur Abschreckung von Raubtieren, aber auch zur Stärkung des Zusammenhalts in der Gesellschaft mit den Mitmenschen, zum Beispiel wenn sie zusammen arbeiteten oder ums Lagerfeuer saßen.

Außerdem ist gemeinsames Singen gut für die körperliche und seelische Gesundheit. Es gibt viele Studien, die zeigen, dass Singen die Immunabwehr unterstützt, das Herz-Kreislauf-System stärkt, die Atmung intensiviert. Singen wirkt entspannend, stresslösend und wie eine natürliches Antidepressivum: Beim Singen in Gemeinschaft wird vermehrt das „Kuschelhormon“ Oxytocin ausgeschüttet, aber auch andere so genannte „Glückshormone“.

Singen erreicht Menschen aller Generationen, und sogar auch dann, wenn sie schwer dement sind. Lieder, die man als Kind gelernt hat, können so fest im Gehirn verankert sein, dass sie auch noch abrufbar sind, wenn das Gehirn nicht mehr so gut funktioniert. Catharina Bürklin, die im Frankfurter Cäcilienchor singt, erzählt, dass sie voriges Jahr zusammen mit ihrer 102 Jahre alten dementen Mutter eine gute Stunde lang Weihnachtslieder gesungen hat – mit angezündeter Kerze. „Schön ist das“, schwärmte die uralte Dame und strahlte. Und als sie abends im Bett lag, hat sie die bekannten Melodien noch einmal vor sich hingesummt, wie die Nachtschwester am nächsten Morgen berichtete.

Singen verbindet uns aber nicht nur mit anderen Menschen, stärkt, entspannt und macht glücklich, sondern es ist auch sehr protestantisch. Vor allem evangelische Gemeinden haben sehr darunter gelitten, dass wegen der Corona-Pandemie in den Gottesdiensten so lange nicht gesungen werden durfte. Im Protestantismus sind die Lieder nicht einfach nur schönes Beiwerk, sondern zentraler Bestandteil der Liturgie.

„Wenn man selbst etwas macht, ist man innerlich ja ganz anders beteiligt, als wenn man passiv bleiben muss“, sagt Wilske, die das Singen im Gottesdienst sehr vermisst hat. „Wer singt, betet doppelt“, soll Martin Luther in Anlehnung an den Kirchenvater Augustinus gesagt haben.

Umso besser, wenn man die Lieder kennt. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) empfiehlt 33 Kernlieder für den evangelischen Gottesdienst im Jahreslauf. Fünf davon sind besonders populär: Die Weihnachtslieder „Macht hoch die Tür“, „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ und „O du fröhliche“, aber auch „Lobe den Herren“ und „Geh aus, mein Herz und suche Freud“.

Kantor und Musikdozent Gerald Ssebudde will seine Studierenden für die Bedeutung der Musik im Protestantismus sensibilisieren. | Foto: Rolf Oeser
Kantor und Musikdozent Gerald Ssebudde will seine Studierenden für die Bedeutung der Musik im Protestantismus sensibilisieren. | Foto: Rolf Oeser

„Ich fordere meine Studierenden manchmal auf, sich vorzustellen, sie hätten zu Luthers Zeit in Wittenberg gelebt. Dann entwickeln sie ein Verständnis für den Geist und die Kraft dieser Lieder“, sagt Gerald Ssebudde. Der Kantor der Hoffnungsgemeinde im Bahnhofsviertel ist auch Dozent an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Ihm ist wichtig, dass die alten Kirchenlieder die Menschen über viele Generationen hinweg miteinander verbinden.

Ssebudde übt natürlich auch moderne geistliche Lieder ein, viele davon von dem Frankfurter Liedtexter Eugen Eckert. Sowohl im Repertoire des Chores der Evangelischen Studierendengemeinde, den er leitet, als auch im ganz normalen Sonntagsgottesdienst in der Matthäuskirche: Die Lieder werden zweimal hintereinander auf dem Klavier angestimmt, und beim zweiten Üben ist die Gemeinde dann schon viel sicherer.

In diesem Herbst haben viele Chöre wieder mit Proben in Präsenz begonnen, meist mit der 2G-Regel, es konnte also nur mitmachen, wer geimpft oder genesen war. Angesichts der hohen Inzidenzen ist derzeit ungewiss, wie es im Winter weitergeht.

Auch was Corona mittel- und langfristig für die Chöre bedeutet, lässt sich noch nicht abschließend beurteilen, sagt Stefan Küchler, der als Propsteikantor für die kirchenmusikalische Entwicklung in Offenbach und Frankfurt zuständig ist. Vor der Pandemie gab es in den beiden Mainstädten etwa 40 klassische Kirchenchöre, außerdem einige Gospelchöre sowie rund 20 Kinder- und Jugendchöre. Einige kleinere Chöre, die schon vor Corona „wackelig“ waren, hätten sich in der Pandemie aufgelöst. Bei anderen ist noch nicht klar, wie es weitergeht. Manche ältere Menschen haben womöglich mit ihrem Chorleben abgeschlossen, andere würden noch abwarten, bis die Pandemielage besser geworden ist.

Es gebe aber auch Chöre, bei denen es zu einem regelrechten „Qualitätssprung“ gekommen sei, sagt Küchler. Denn das Üben in den Einzelstimmen vor dem Laptop oder auch draußen mit viel Abstand sei eine gute Sing- und Hörschule gewesen: „Wenn man seine direkten Nachbarn im Chor nicht mehr als Stütze hat, muss man selbst besser werden.“ Man wächst mit seinen Aufgaben? Wenn die Chöre dabei nicht zu viele Mitglieder verlieren, wäre das immerhin ein Gewinn.

Mehr Informationen und eine Übersicht über alle Chöre gibts auf www.kirchenmusik-am-main.de.


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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

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