Kunst & Kultur

Warum das Singen im Gottesdienst so fehlt

Dass wegen der Ansteckungsgefahr durch Aerosole derzeit in Gottesdiensten nicht gesungen werden kann, macht vielen Evangelischen zu schaffen. Nicht nur, weil gemeinsames Singen Spaß macht. Im Protestantismus hat der Gemeindegesang auch eine theologische Dimension: Er steht für das Priestertum aller Gläubigen.

Der Gemeindegesang ist traditionell ein wichtiger Bestandteil des evangelischen Gottesdienstes - diese Aufnahme entstand vor einigen Jahren bei einem Chorfest in Frankfurt. | Foto: Rolf Oeser
Der Gemeindegesang ist traditionell ein wichtiger Bestandteil des evangelischen Gottesdienstes - diese Aufnahme entstand vor einigen Jahren bei einem Chorfest in Frankfurt. | Foto: Rolf Oeser

„Da wohnt ein Sehnen tief in uns, oh Gott…“ – es ist die Melodie eines bekannten Kirchenliedes, die Kantor Gerald Ssebudde am Klavier in einem der ersten Präsenzgottesdienste in der Matthäuskirche nach dem Versammlungsverbot der Coronakrise anstimmt. Schön hört sich das an. Ein bisschen wehmütig. Ich würde so gerne mitsingen. In die Stimmung des Liedes eintauchen. Meiner Sehnsucht, meinem Glauben endlich einmal wieder mit der Stimme Ausdruck verleihen.

Aber die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat dringend empfohlen, in den Gottesdiensten nicht zu singen. Wie vernünftig das ist, hat ja kürzlich erst eine baptistische Gemeinde in Rödelheim vor Augen geführt. Dort wurde nach Angaben des Gesundheitsamtes im Gottesdienst gesungen, als gäbe es keine Aerosole. Über hundert Menschen infizierten sich mit dem Coronavirus. Das lag wohl nicht nur, aber auch am gemeinsamen Singen auf zu kleinem Raum.

Es ist also geboten, derzeit im Gottesdienst auf Gemeindegesang zu verzichten. Doch was der Verstand als richtig erkennt, kann sich trotzdem blöd anfühlen. Vielen geht es jedenfalls so: Wenn man im Gottesdienst nicht singen kann, fühlt man sich beinahe wie amputiert. Etwas Wesentliches fehlt. „Ich vermisse die Freude, die beim Singen entsteht und die Gemeinschaft mit den anderen“, klagt eine Gottesdienstteilnehmerin.

Da sind die Video-Andachten, die manche Gemeinden ins Netz stellen, fast besser. Pfarrerin Annegreth Schilling aus der Matthäusgemeinde hat auch dabei gesungen, der Text des Kirchenliedes wurde dazu eingeblendet. „Viele haben mir später erzählt, dass sie zuhause mitgesungen haben“, erzählt die Pfarrerin. „Singen ist ein uraltes Ritual. Und Rituale helfen, durch Unsicherheit hindurchzugehen. Beim Singen beruhigt sich die Atmung, man findet zu seiner Mitte zurück. Singen befreit.“

Beim Gottesdienst Mitsummen oder hinter der Maske nur „innerlich mitsingen“, wie Pfarrerin Pia Baumann aus der Gemeinde Bockenheim vorschlägt, ist nur ein schwacher Ersatz. In der Jakobskirche singen jetzt immer zwei oder drei Sängerinnen und Sänger aus dem Gospelchor sozusagen stellvertretende für alle. „Wir wählen zur Zeit möglichst bekannte Lieder für den Gottesdienst aus und drucken die Texte in Liedblättern ab, weil wir aus hygienischen Gründen keine Gesangbücher austeilen. So kann man zumindest den Text mitlesen“, sagt Pfarrerin Baumann. „Geistliche Lieder sind ja auch eine Form der Verkündigung. Sie vertiefen die Inhalte, um die es im Gottesdienst geht. Melodien bewirken, dass man sie sich besser merken und zu eigen machen kann. Im Moment ist der Gottesdienst schon sehr karg.“

Nach evangelischer Auffassung sind das gesungene und das gesprochene Wort gleichrangig. Schon für Martin Luther war der Gesang eine der zentralen Ausdrucksformen des Evangeliums. „Im Singen wie im Sagen drückt sich aus, dass der Glaube aus dem Hören kommt“, heißt es auch in einem Papier der Evangelischen Kirche in Deutschland. Luther hatte sich im 16. Jahrhundert gegen die Hierarchie in der römischen Kirche gewandt, in der den Priestern durch die Weihe eine besondere Würde verliehen wurde. Seiner Ansicht nach sollte jeder Christ und jede Christin die Bibel selbst lesen und verstehen, und im Glauben nur Gott gegenüber verpflichtet sein, aber keinem Menschen.

Das Singen spielt daher für Evangelische eine besondere Rolle, garantiert es doch die Mitwirkung aller am Gottesdienst. Anders als in den Messen zu Luthers Zeit, die in lateinischer Sprache abgehalten wurden und wo der Gesang Priestern und Chören vorbehalten war, förderte der Reformator den Gemeindegesang. „Wer singt, betet doppelt“ soll Luther in Anlehnung an den Kirchenvater Augustinus gesagt haben. Luther war auch selbst sehr musikalisch und hat viele Lieder geschrieben, die bis heute häufig gesungen werden, darunter „Ein feste Burg ist unser Gott“, „Aus tiefster Not schrei ich zu Dir“ und das Weihnachtslied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“.

Wie wichtig das gemeinsame Singen im Protestentismus ist, wird vielen jetzt, wo Gottesdienste ohne das „gesungene Priestertum aller Getauften“ auskommen müssen, erst so richtig deutlich. Allerdings kann das Singen im Gotteisdienst auch eine Hürde darstellen, zum Beispiel für Menschen, die neu in der Gemeinde sind und die alten Lieder nicht mehr kennen. „Ich habe mich jahrelang gescheut, in die Kirche zu gehen, weil ich die Lieder nicht mitsingen konnte“, erzählt zum Beispiel Klaus Kupka. „Ich hatte das Gefühl, da sitzt eine feste Gemeinschaft, zu der ich nicht gehöre.“ Nicht viele sind dann so entschlossen wie der Anwalt, der dann in einen Chor eingetreten ist, um das Singen zu lernen. Das ist jetzt schon viele Jahre her.

„Ich habe die Erfahrung gemacht: 'Singen öffnet die Seele'“, sagt Kupka. Inzwischen ist er stellvertretender Kirchenvorstandsvorsitzender der Segensgemeinde in Griesheim. Im ersten Gottesdienst nach dem Versammlungsverbot hat er es übernommen, in Vertretung der Gemeinde die für diesen Sonntag ausgesuchten Lieder zu singen. „Ich glaube, es kam bei Pfarrer und Gemeinde ganz gut an.“


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Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

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