Leben & Alltag

Anna Tardos: „Kinder brauchen keine Stimulation“

Die ungarische Kinderpsychologin Anna Tardos, die Tochter von Emmi Pikler, war Hauptrednerin bei einem Fachtag für Erzieherinnen und Erzieher, zu dem die Diakonie Frankfurt eingeladen hatte.

Anna Tardos bei ihrem Vortrag in der Heiliggeistkirche des Dominkanerklosters. Foto: Rolf Oeser
Anna Tardos bei ihrem Vortrag in der Heiliggeistkirche des Dominkanerklosters. Foto: Rolf Oeser

„Das Wichtigste ist, dass Kinder Vertrauen und keine Angst haben“, ist Anna Tardos überzeugt. „Nur dann können sie ihre Umwelt zu erforschen und Neues lernen.“ Die ungarische Kinderpsychologin und Leiterin des Emmi-Pikler-Instituts in Budapest sprach im Dominikanerkloster bei einem Fachtag vor 500 Erzieherinnen und Erziehern aus Frankfurter Kitas und Krabbelstuben. Sie erläutere die Prinzipien der Kleinkindpädagogik, die ihre Mutter Emmi Pikler (1902-1984) entwickelt hat. Auf dieser Grundlage arbeiten die Krabbelstuben des Diakonischen Werkes in Frankfurt, das zu dem Fachtag eingeladen hatte.

Wichtig ist, dass Babies keine Angst haben

Die Vision ihrer Mutter sei es gewesen, „dass Babies friedlich aufwachsen, weil sie keine Angst vor der Außenwelt haben“, sagte Tardos. In ihrem Beruf als Kinderärztin habe Pikler beobachtet, dass bereits kleine Kinder oft überfordert werden, wenn sie zum Beispiel laufen lernen sollen, obwohl sie noch gar nicht so weit sind. Eines der von Emmi Pikler aufgestellten Prinzipien sei daher die „freie Bewegung“. Das heißt, die Erwachsenen geben nicht vor, was die Kinder tun sollen, sondern ermöglichen ihnen lediglich, das auszuprobieren, wozu sie von selbst Initiative zeigen. Das bedeutet zum Beispiel, Krabbelkinder nicht an den Händen hochzuziehen, um sie zum Laufen anzuhalten, wenn sie das selbst noch gar nicht können.

Ein anderes Prinzip sei der „Respekt vor dem Kind“, also Aufmerksamkeit für die persönliche Individualität jeden einzelnen Kindes. Kinder hätten von selbst ein Interesse an ihrer Umwelt, wollten Dinge erforschen und Neues lernen. Sie bräuchten dazu keine von den Erwachsenen vorgegebenen Aufgaben oder irgendwelche „Stimulationen“, sagte Tardos. Es genüge, eine Umwelt bereitzustellen, die Anregungen und Möglichkeiten bietet – also etwa Spielzeug, Gelegenheiten zum Klettern, unterschiedliche Gegenstände.

Kinder wissen, was sie interessiert

„Es geht nicht nur darum, dass die Kinder aktiv sind, sondern darum, dass sie sich trauen, etwas auszuprobieren, das nicht so einfach, aber auch nicht hoffnungslos ist“, sagte Tardos. Dazu müssten sie ihren eigenen Interessen nachgehen können, sich Ziele und Aufgaben selbst suchen dürfen. Und sie brauchen Ruhe und Vertrauen in sich selbst und ihre eigenen Fähigkeiten, dürften also nicht erwarten, dass alle ihre Wünsche sofort von Erwachsenen erfüllt werden.

Pädagoginnen, die nach diesem Konzept arbeiten, hätten es nicht immer leicht, diese Prinzipien anderen zu vermitteln, sagte Tardos. Auch viele Eltern wollten vor allem handfeste „Lernfortschritte“ ihrer Kinder verzeichnen. „Der Lernerfolg besteht aber nicht darin, dass ein Kind etwas zum ersten Mal gekonnt hat, zum Beispiel ein bestimmtes Spielzeug aufheben, sondern darin, dass es den eigenen Wunsch nicht aus den Augen verloren, sondern über einen längeren Zeitraum beharrlich darauf hinarbeitet hat – und schließlich erfolgreich war.“


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Antje Schrupp 118 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com