Leben & Alltag

Bitte nichts schenken!

Laut einer aktuellen Umfrage will sich in diesem Jahr jedes sechste Paar nichts zu Weihnachten schenken. Eigentlich eine reife Entscheidung, um dem Konsumterror zu entfliehen. Aber was genau ist eigentlich "nichts"?

Gar nichts schenken, nur eine Kleinigkeit oder eigentlich doch nichts? Foto: Kira auf der Heide/unsplash.com
Gar nichts schenken, nur eine Kleinigkeit oder eigentlich doch nichts? Foto: Kira auf der Heide/unsplash.com

Das Schenken ist eine ambivalente Sache. Wir ärgern uns über Teenager, die trotzig verkünden, sie gingen „nur wegen der Geschenke“ in den Konfirmandenunterricht. Doch den Umschlag mit den Scheinchen, die tolle Uhr und den Zuschuss zum Mountainbike überreichen wir wirklich von Herzen gerne. Egal, ob der jugendliche Mensch den schönen Psalm 23 vielleicht erst später schätzen lernt. Oder nie. Richtig so. Ein Dankeskärtchen muss aber sein.

Schenken ist ein Ritual, ein komplizierter Gesellschaftstanz, der zu hohen Festtagen vollführt wird: Geburtstag. Konfirmation. Hochzeit. Weihnachten. Heikle Fragen drängen sich zwischen Stoffband und Sternchenpapier. Beziehungen werden austariert. Wer steht wie zu wem? Wer schenkt wie großzügig (oder eben nicht)? Warum? Wer ist kreativ, wer stoffelig, wer meint es gar zu gut? Muss es immer das ganz teure Lego sein? Muss es überhaupt immer so viel sein? Der Philosoph Jacques Derrida hat darin eine Paradoxie gesehen: Die Idee einer „Gabe“ in Reinform schließe die Erwartung einer „Gegengabe“ aus, und doch sei sie ohne diese Erwartung praktisch undenkbar.

Schwierige Sache. Aber es gibt eine einfache Lösung (für Volljährige): „Stephan und ich, wir schenken uns diese Weihnachten nichts“, sagte eine Freundin neulich. Recht hat sie. Den ganzen Konsumterror braucht schließlich kein Mensch. Die Wohnung quillt über vor Kram, und Geld ist auch keins da, die neue Duschkabine im Oktober hat ganz schön reingehauen. Immer mehr Leute machen es offenbar genauso.

Das ergab jedenfalls eine Umfrage der Online-Partnervermittlung Parship. Demnach bleibt der Gabentisch bei jedem sechsten Paar leer. Wie abgeklärt und reif. Ich schäme mich ein bisschen. Ich werde nämlich gerne beschenkt. Meine Volljährigkeit hat da rein gar nichts dran geändert. Toll war das, letztes Jahr den Merinowollschall in Petrol unterm Baum zu finden. Und ich schenke gern. Wie sich mein Mann vor einigen Jahren über die ausufernde Bruce-Springsteen-Biografie freute, von der er bis zu diesem Moment noch gar wusste, wie sehr er sie braucht!

Wer sich zur Geburtstagsparty oder zu Weihnachten Geschenke verbittet, macht es seinen Mitmenschen allerdings nur noch schwerer. Denn das Falscheste, was ein Gast dann schenken kann, ist: nichts. Ein hübsches Blümchen, ein Glas mit selbstgemachter Marmelade, ein ausgelesenes (passendes!) Buch, ein guter (!) Wein (also nicht den pappsüßen Rosé, den die Nachbarn im Sommer beim Grillen da gelassen haben) darf es schon sein. Eine sympathische Kleinigkeit eben. Ein Ding, das nicht „nichts“, aber auch noch nicht „etwas“ ist. Einmal habe ich das morbide Kinderbuch mit dem Titel „Nichts“ der dänischen Autorin Janne Teller verschenkt. Kann man aber auch nur einmal bringen.  

In der Serie „Breaking Bad“ wird der Chemielehrer Walter White zu seinem alten Studienkumpels eingeladen, der es (anders als Walter zu dem Zeitpunkt) zu Geld gebracht hat. „Bitte schenkt mir niiiiiichts, ich habe doch alles...“, tönt der Studienkumpel. Walter schenkt natürlich nicht nichts, sondern hat eine sehr rührende Idee: Er bringt ein Päckchen getrocknete Thai-Nudeln für 70 Cent mit – als Erinnerung an ihrer beider Lieblingsessen im Studentenwohnheim. Die Nudeln liegen dann auf einem meterhoch beladenen Gabentisch neben Aktienpaketen, einem Rennrad und einer von Eric Clapton signierten Gitarre.

Es gehört zum guten Ton von Weihnachten dazu, „den ganzen Konsum“ so schrecklich zu finden wie Spekulatius im September. Wir schenken uns doch nichts? Oder? Nur abgebrühte Charaktere stehen diesen frommen Wunsch bis zum bitteren Heiligabend durch. Mit Vernunft kommt man gegen Weihnachten nicht an. „Wir schenken uns nichts!“ ist vermutlich die soziale Übereinkunft, die am häufigsten gebrochen wird. Zum Glück. Nichts ist schließlich so traurig, wie ein Tannenbaum ohne Päckchen – oder so schön, wie die Vorfreude auf die Woche vor Silvester, wenn man alles wieder umtauschen kann.

Mehr zum Thema: Schenken und beschenkt werden - gar nicht so einfach!


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Anne Lemhöfer 100 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de

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