Leben & Alltag

Die Sache mit der Einsamkeit

Über Einsamkeit kursieren viele Klischees: dass nur alte Menschen einsam sind, dass die Betroffenen selber schuld wären, dass es am Internet liegt oder an der Anonymität der Großstadt. Aber so einfach ist es nicht.

Auch in Gesellschaft kann man sich einsam fühlen, wenn es die falsche ist. | Foto: Sophie Schüler
Auch in Gesellschaft kann man sich einsam fühlen, wenn es die falsche ist. | Foto: Sophie Schüler

Wir müssen reden, und zwar über Einsamkeit. Sechs bis zehn Prozent aller Menschen in Deutschland fühlen sich oft einsam, weitere 15 bis 30 Prozent manchmal. Einsamkeit ist aber auch ein Modethema, das schnelle Klicks verspricht. Man kann dabei schön über die modernen Zeiten lästern, die zerfallende Gesellschaft beklagen oder auf die Digitalisierung schimpfen.

Aber dramatisierende Meldungen über eine grassierende „Einsamkeits-Epidemie“ verschärfen das Problem eher als dass sie helfen. Erstmal wäre zu klären, was Einsamkeit überhaupt ist.

Die Psychologin Maike Luhmann, die an der Ruhr-Universität Bochum zum Thema forscht, definiert es so: „Einsamkeit ist ein Gefühl, das auftritt, wenn die Beziehungen, die man hat, nicht dem entsprechen, was man sich wünscht.“ Demnach wäre Einsamkeit also nicht ein objektiver Zustand, sondern eine subjektive Reaktion: In exakt gleichen Lebensumständen kann sich der eine Mensch einsam fühlen, der andere nicht. Aber warum?

Unter anderem das soll ein im Februar gegründetes „Kompetenznetz Einsamkeit“ herausfinden, das Fachleute, Projekte, Aktivistinnen und Betroffene zusammenbringt und vernetzt. Bundesfamilien- und Seniorenministerin Anne Spiegel, deren Ministerium das Projekt mit einer Million Euro allein im ersten Jahr fördert, gab das politische Ziel vor: „Wir wollen eine Gesellschaft sein, in der sich niemand einsam fühlt.“

Der britische Philosoph und Ökonom John Stuart Mill aus dem 19. Jahrhundert hätte ihr wohl widersprochen: „Eine Welt, in der die Einsamkeit ausgerottet ist, ist ein armseliges Ideal“, war er überzeugt. „Einsamkeit ist die Wiege von Gedanken und Eingebungen.“ Tatsächlich galt Einsamkeit früher als etwas Gutes. Mystiker wie Meister Eckart glaubten, dass Abgeschiedenheit von weltlichen Beziehungen die Voraussetzung dafür sei, „eins-sam“ zu sein, nämlich eins mit Gott.

Aber natürlich lässt sich nicht schönreden, dass viele Menschen Einsamkeit als Schmerz und Leid erleben. Manche geraten sogar in einen regelrechten Teufelskreis: Aus Enttäuschung über schlechte Beziehungen werden sie immer unleidlicher, stoßen deshalb auf Ablehnung und gehen irgendwann aus Angst vor Zurückweisung gar nicht mehr unter Leute. Das Problem lässt sich sogar messen: Einsame Menschen ernähren sich schlechter, leben ungesünder, sind häufiger psychisch krank und haben mehr finanzielle Probleme als andere.

Einsamkeit ist also nicht nur ein privates, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. Das betont auch Dagmar Hirche, die vor 15 Jahren den Verein „Wege aus der Einsamkeit“ gründete. Inzwischen gibt es unzählige Initiativen, Angebote oder Treffs für einsame Menschen, auch in vielen Kirchengemeinden. Das Problem ist jedoch, dass Betroffene oft nicht dorthin finden. Es fehle an „Lotsen durch die Vielfalt des Angebots“, klagt Hirche. „Nicht alle Einsamen haben dieselben Bedürfnisse, nicht jedes Hilfsangebot ist für jeden geeignet.“

Aber wer ist denn nun betroffen? Am einsamsten sind hochaltrige Menschen über 85. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: In diesem Alter sterben viele Bekannte, Freundinnen, Nachbarn, das soziale Netz dünnt sich aus. Gleichzeitig nimmt die Mobilität ab. Es wäre aber falsch, Einsamkeit nur als Problem des Alters zu verstehen. Denn schon die Altersgruppe direkt darunter, die der 70 bis 85-Jährigen, ist statistisch gesehen am wenigsten einsam. Viel größer ist das Risiko bei den um die 35-Jährigen. Auch zwischen 50 und 60 fühlen sich besonders viele Menschen einsam.

Warum? Das weiß man nicht. Die Gründe für Einsamkeit bei Jüngeren sind kaum erforscht. Klar ist aber, dass sogar Jugendliche gefährdet sind: Laut einer Umfrage der BBC fühlten sich während Corona 40 Prozent der 16- bis 24-Jährigen oft einsam.

Viele Erklärungen, die erst einmal plausibel klingen, entpuppen sich bei genauerem Hinschauen als Klischee, sagt Forscherin Luhmann. So sind Menschen in der Stadt keineswegs einsamer als auf dem Dorf. Auch das Internet lässt sich nur bedingt als Sündenbock ausmachen, denn es kommt ganz darauf an, wie man es nutzt – für manche ist es sogar der Ausweg aus der Einsamkeit. Am überraschendsten ist vielleicht der Befund, dass Singles keineswegs per se einsamer sind als Verheiratete. Und dass Menschen im geselligen Südeuropa sich häufiger einsam fühlen als in Deutschland.

Nachvollziehbar wird das jedoch, wenn man weiß, dass Menschen sich nicht nur einsam fühlen, weil sie oft allein sind, sondern sogar noch mehr, weil sie sich fremd und isoliert fühlen.

Junge Mütter etwa sind zwar dauernd von Menschen umgeben, aber sie fühlen sich oft einsam, weil sie aus ihren bisherigen Freundeskreisen herausgefallen sind. Auch Menschen, die sich beruflich überfordert fühlen, leiden häufig unter Einsamkeit. Umzüge, Trennungen, Schicksalsschläge oder Arbeitslosigkeit sind weitere Risikofaktoren. Und ganz besonders Armut: „Wenn man sich den Kaffee nicht leisten kann, geht man nicht mehr raus“, sagt Aktivistin Dagmar Hirche.

Deshalb will der Direktor der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, die Einsamkeit „aus dem Tabubereich herausholen“, wie er bei der Gründung des Kompetenznetzes sagte. Von sensationsheischenden Metaphern wie der Rede von Einsamkeit als „neuer Epidemie“ hält er überhaupt nichts. Stattdessen wirbt er für mehr „Einsamkeitssensibilität“ im normalen Alltag. Die meisten Hilfsangebote würden nämlich daran scheitern, dass die Betroffenen selber den ersten Schritt machen müssen. Und genau dazu sind sie ja oft nicht in der Lage.

Wie wäre es, wenn wir uns alle dafür zuständig fühlten, auf einsame Menschen zu achten? Wenn wir ein Sensorium dafür entwickeln würden? Die Erzieherin in der Kita könnte zum Beispiel bemerken, dass eine alleinerziehende Mutter sich einsam fühlt und sie ansprechen. Ärztinnen könnten einen Kontakt zum Seniorencafé in der Nachbarschaft vermitteln. Und es gibt noch mehr Ideen.

Warum gibt es im öffentlichen Raum kaum unkomplizierte Gelegenheiten zum Kontaktknüpfen? Hier ist die Stadtplanung gefragt. Sinnvoll wären Plätze und Parks mit Gelegenheiten zum zwanglosen Verweilen. Oder „Langsamkeitskassen“ im Supermarkt für alle, die Zeit haben, um mit anderen auch mal ein Schwätzchen zu halten, ohne dass sofort von hinten jemand drängelt.

„Es muss nicht immer gleich das ganz große Projekt sein“, sagt Dagmar Hirche. „Ein Tisch und drei Stühle ändern oft schon was.“ Wichtig sei aber auch das richtige „Erwartungsmanagement“, so Einsamkeitsforscherin Luhmann. Nicht jedes Problem lasse sich mit ein bisschen gutem Willen und einer Portion Elan aus der Welt schaffen. Manchmal gehöre das Alleinsein bis zu einem gewissen Grad zum Leben dazu.

Wenn jemand nach fünfzig Ehejahren die Partnerin verliert, lässt sich das kaum durch Seniorenyoga wettmachen. Auch die Einladung zum Nachbarschaftstreff hilft da nicht viel. Denn wer einsam ist, vermisst nicht irgendwelche Kontakte, sondern wertvolle Beziehungen. Trotzdem ist es sinnvoll, sich öfter mal zu einer Aktivität aufzuraffen, wenn man sich einsam fühlt. Nur eben ohne übertriebene Erwartungen.

„Um Einsamkeit zu bekämpfen, müssen wir mehr über die Qualität von Beziehungen nachdenken“, ist Luhmann überzeugt. Das bedeute auch, die vielen gut gemeinten Initiativen und Projekte mal zu evaluieren. „Wir wissen gar nicht, welche Angebote funktionieren und welche nicht“, kritisiert Luhmann. Auch das wird sich hoffentlich mit dem neuen Kompetenznetz ändern.

Weiterlesen: Ein Date im Park – das Projekt "Gemeinschaft wagen" der Diakonie Frankfurt und Offenbach

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Antje Schrupp 183 Artikel

Dr. Antje Schrupp ist Chefredakteurin von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com

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