Leben & Alltag

„Du hörst die Geschichten der Leute, und das ändert deine Perspektive“

Auf der Suche nach einem Ausweg aus der Armut kommen viele Menschen aus Osteuropa nach Frankfurt, darunter auch Roma und Sinti. Der Tagestreff im Diakoniezentrum Weser5 ist für viele von ihnen eine wichtige Anlaufstelle.

Qutaiba Al Jendi und Cristina Cristescu im Weser5 Diakoniezentrum. | Foto: Malte Stieber
Qutaiba Al Jendi und Cristina Cristescu im Weser5 Diakoniezentrum. | Foto: Malte Stieber

Cristina Cristescu war heute Morgen beim Zahnarzt, und das macht das Sprechen grundsätzlich schwer – ob nun auf Deutsch oder Rumänisch. Sie kommt fast jeden Tag ins Diakoniezentrum „Weser5“ im Frankfurter Bahnhofsviertel, so wie täglich etwa 150 Menschen, die in Frankfurt auf der Straße leben müssen. Im Weser5 gibt es etwas zu essen, sie kann duschen oder in den Schließfächern ein paar ihrer Sachen sicher unterstellen. Auch einige Notübernachtungsplätze bietet die Einrichtung, doch weil Cristescu EU-Bürgerin ist, darf sie hier nicht schlafen.

Vor fünf Jahren ist die heute 45-Jährige mit ihrem Lebensgefährten Livio nach Frankfurt gekommen und lebt seitdem auf der Straße. Vergebens hat sie versucht einen Job zu finden. Vorurteile gegen Menschen aus Rumänien, kein perfektes Deutsch und kein fester Wohnsitz sind alles große Minuspunkte in der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Deshalb verdient sie ihr Geld mit Flaschensammeln – an guten Tagen 20 bis 25 Euro, an schlechten auch nur 10 oder weniger. Überraschend beschreibt sie die Zeit der Corona-Einschränkungen als „gut fürs Geschäft“: Als die Kneipen geschlossen waren, haben sich mehr Leute draußen getroffen und auch mehr Leergut liegen lassen. Seit den Lockerungen ist es wieder ein bisschen schwieriger geworden, genug Pfand zum Überleben zu finden.

Cristescu erzählt davon, dass das Leben auf der Straße als Frau hart sei, aber ihr manchmal sogar zum Vorteil würde. Seltener gerate sie in Konflikte, und andere Menschen seien ihr gegenüber oft hilfsbereiter. Sie erzählt von den Schwierigkeiten, Freundschaften unter Obdachlosen zu führen, und dass tiefergehende Beziehungen die Belastungsproben der täglichen Existenzängste meist nicht überstehen. Und davon, dass sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten seit zwei Jahren in einer verlassenen Gartenhütte in einem Frankfurter Randbezirk lebt. Knapp 20 Quadratmeter groß und gut Instand gehalten, sagt sie fast ein bisschen stolz.

Frankfurt hat sie tief in ihr Herz geschlossen: „Ich habe mich einfach in diese Stadt verliebt!“ Kurze Zeit habe sie auch im Süden und Westen ihr Glück gesucht, doch „in München sind die Leute arrogant, und in Bonn war es mir zu langweilig“, sagt sie lachend. „Die Leute in Frankfurt sind irgendwie verrückt, aber im positiven Sinne und hier kommen Menschen aus so vielen verschiedenen Orten der Welt zusammen.“

„Hier fühlt man sich nicht so schnell als Ausländer“ platzt es aus Qutaiba Al Jendi heraus. Er arbeitet als Sozialhelfer im Weser5 und übersetzt eigentlich nur für Cristescu, doch plötzlich vermischen sich ihre Geschichten. Al Jendi ist in Syrien geboren, hat zwölf Jahre in Rumänien gelebt und dort Zahnmedizin studiert. Er weiß, was es bedeutet, in Frankfurt eine Wohnung zu suchen, ohne einen deutschen Nachnamen zu haben. Es war enorm schwierig, aber über Beziehungen klappte es irgendwann, und heute wohnt er allein auf 35 Quadratmetern in Frankfurt-Dornbusch. „Als ich hier in Weser5 angefangen habe, habe ich erst gemerkt, wieviel Glück ich hatte“ sagt er und blickt sich im Innenhof der Einrichtung um.

Al Jendi ist seit knapp eineinhalb Jahren zuständig für Roma und Sinti im Weser5. Weil er neben arabisch, englisch und deutsch auch fließend rumänisch spricht, vertrauen sich ihm viele Menschen schnell an. Auch in Rumänien habe er die elenden Lebensrealitäten vieler Menschen gesehen, doch sie meist ignoriert. „Hier zu arbeiten hat mein Leben verändert. Wir leben einfach in Parallelwelten nebeneinander her und dann hörst du die Geschichten der Leute hier, und das ändert deine Perspektive.“

Jedes Jahr suchen rund 1300 Menschen in der Weserstraße 5 Unterstützung, sagt Einrichtungsleiter Jürgen Mühlfeld. Über 70 Prozent von ihnen kommen aus den östlichen EU-Mitgliedsstaaten. Sie können hier essen, duschen, Computer benutzen und die Beratung in Anspruch nehmen. Nur die Notunterkünfte bleiben für sie verschlossen, da sie laut aktueller Sozialgesetzgebung in der Regel keinen Rechtsanspruch darauf haben. Andere Kommunen wie zum Beispiel Köln schaffen für diese Personengruppe zwar trotzdem Unterbringungsangebote, in Frankfurt ist dafür aber noch keine Lösung gefunden.


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Malte Stieber 1 Artikel

Malte Stieber ist in Bremen aufgewachsen, lebt seit 2012 in Frankfurt und arbeitet hauptberuflich im Quartiersmanagement in Praunheim.

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