Leben & Alltag

Sportsüchtig oder Couchpotato? Für mehr Mittelmaß im Sport

Fitness als Religion versus Fitness als Thema für religiöse Menschen – das war das Thema eines Fachtags, zu dem das Sportethische Forum der Evangelischen Kirche in Deutschland nach Frankfurt eingeladen hatte.

Sport ist gesund, kann aber auch zur Sucht und zur Religion werden. | Foto: John Arano / unsplash.com
Sport ist gesund, kann aber auch zur Sucht und zur Religion werden. | Foto: John Arano / unsplash.com

Der Grat zwischen gesunder Bewegung und ungesundem Körper-Kult ist schmal: „Warum Fitness? Zwischen Körper-Kult und Seel-Sorge“ war das Thema, über das knapp 100 Experten, Sportlerinnen, Theologen, Psychologinnen und andere Interessierte einen ganzen Tag lang in der Evangelischen Akademie am Frankfurter Römerberg diskutierten.

Dass sich Sport positiv auf Körper, Geist und Psyche auswirkt, ist ja längst kein Geheimnis mehr. Hochleistungssportler wie Andreas Kempf, Deutscher Meister im Classic Bodybuilding, oder Rainer Schmidt, Pfarrer und Paralympics-Goldmedaillensieger im Tischtennis, berichteten über positive Effekte von intensivem Sport.

Auch beim Umgang mit Krankheiten spielt Bewegung eine immer größere Rolle. „Sport sollte Teil jeder Tumortherapie sein“, sagte etwa die Onkologin am Frankfurter Klinikum Nordwest, Elke Jäger. Sport, betonte sie, verbessert nicht nur das Körpergefühl der Patientinnen und Patienten, sondern auch die individuelle Zuversicht und die Bereitschaft, an den nötigen Therapien aktiv mitzuwirken.

Problematisch wird es jedoch, wenn Sport nicht mehr dem Wohlbefinden, sondern vor allem der Optik und Identitätsfindung dient. Dann kann er sogar zur Sucht werden, wie die Sportpsychologin und ehemalige Deutschen Meisterin im Brustschwimmen, Lena Busch, betonte. Sie hat zur Nutzung von Fitness-Apps geforscht: Einerseits schaffen die digitalen Anwendungen zur Selbstkontrolle von Ernährung und Bewegung tatsächlich Anreize für gesundheitsbewusstes Verhalten. Andererseits können ständige Selbstoptimierung und sozialer Vergleich auch zu Versagensängsten und Essstörungen führen: „Fremden Idealbildern hinterherzujagen ist nicht nur ungesund, es widerspricht auch dem christlichen Menschenbild der Fehlbarkeit und Individualität.“

Ähnlich sieht es der Sportsoziologe und Präventionsbeauftragte beim Deutschen Olympischen Sportbund, Mischa Kleber: Bei vielen Sportlern stehe nicht das Gesundheitsbewusstsein im Vordergrund, sondern Authentizitäts- und Machbarkeitsgefühle. Vor allem bei Männern gehe es beim Training im Fitnessstudio auch um ein Gefühl von Stärke und Macht. Wenn aber die „Körperoptik“ wichtiger ist als die Gesundheit, dann „kann das schnell kippen“, so Kleber. Es gebe Menschen, die ihre eigene Persönlichkeit ausschließlich über die erbrachte Leistung definieren. Die es unerträglich finden, wenn ihre Körper nicht ständig „besser“ werden. In solchen Fällen müsse man von Sportsucht sprechen.

Tritt der Körperkult heute sogar an die Stelle des religiösen Kultes? In gewisser Weise schon, meint der Sportwissenschaftler und Theologe Stefan Schneider: „Heilsversprechen im Jenseits ziehen in einem aufgeklärten, relativ wohlhabenden Europa nicht mehr, heute nehmen die Menschen ihr Heil selbst in die Hand.“ Sie zahlen für ihr Heil durch Schweiß.

Aber auch in der Bibel sei schon viel von Bewegung die Rede, von Arbeit „im Schweiße Deines Angesichts“ oder von jahrzehntelanger Wanderung. Rechne man die Berichte der Evangelisten nach, sei Jesus während seines Lebens gut 1060 Kilometer gelaufen, so Schneider. Das liegt natürlich auch daran, dass in der Antike fast alle Menschen ständig in Bewegung gewesen sind. Heute hingegen steigen weltweit die Adipositas-Erkrankungen, also die Anzahl der krankhaft dicken Menschen.

Was bei den Sportsüchtigen zu viel ist, ist bei anderen, die sich fast gar nicht bewege, zu wenig. Und so ist wie meistens auch beim Sport das rechte Maß die Zauberformel. Das Fazit des Tags war demensprechend auch nicht wirklich überraschend: Sport wirkt dann positiv, wenn er individuell angemessen und kontinuierlich betrieben wird. Nicht aber, wenn er zur Religion wird.


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Autorin

Stefanie von Stechow ist Mutter von vier Kindern und freie Journalistin. Sie schreibt über Themen aus Familie, Bildung und Gesellschaft.

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