Leben & Alltag

Feiert Gottesdienst im Freibad!

Nirgendwo sonst kommen Menschen mit den unterschiedlichsten sozialen Hintergründen so zwanglos und auf Augenhöhe zusammen. Da ist der Heilige Geist ganz nah.

Foto: colourbox.de
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Zugegeben: Eigentlich gibt es keinen passenderen Ort als eine Kirche, um bei Temperaturen um die 40 Grad ein bisschen Abkühlung und innere Ruhe zu finden. Aber gäbe es andererseits nicht auch kaum etwas Besseres, als nach einem Gottesdienst im Sommer die Gemeinschaft weiter auf einer Liegewiese zu zelebrieren – und dann gemeinsam ins kristallklare Wasser eines Schwimmbeckens zu springen? Kirchengemeinden behaupten gerne von sich, dass sie eine der letzten Orte seien, wo sich alle Gesellschaftsschichten mischen, wo Menschen in den unterschiedlichsten Lebensphasen und mit den unterschiedlichsten Überzeugungen zusammenkommen. Mancherorts mag das stimmen. Aber getoppt wird das alles noch vom Freibad.

Ja, die Welt hinter den ratternden Drehkreuzen ist eine besondere. Und zwar eine der demokratischsten überhaupt – denn nirgendwo gehen alle, wirklich alle mal hin, egal, ob sie im Hochhaus oder in der frei stehenden Villa leben, ob sie vier oder 74 Jahre alt sind, gebunden oder Single. Kein Swimmingpool im Garten ersetzt eines der raren öffentlichen 25- oder 50-Meter-langen Außenbecken, um die sich die Menschheit ab Temperaturen von 25 Grad gruppiert. Auf der Liegewiese und in der Pommes-Schlange sind alle gleich. Da ist der Heilige Geist ganz nah.

Warum dann nicht einfach Gottesdienst im Freibad feiern? Wenn die Menschen nicht zur Kirche kommen, muss die Kirche eben zu ihnen kommen. Zugegeben, ganz neu ist die Idee nicht, es gibt zahlreiche (meist evangelische) Gemeinden, die schon Gottesdienste oder gleich Tauffeste im örtlichen Schwimmbad gefeiert haben, darunter welche aus Dinklage, Saarbrücken, Uetze oder Meldorf. Da stehen dann in Lokalzeitung und Gemeindebrief so schöne Sätze wie: „Zelebriert wird der Gottesdienst auf der Liegewiese vor dem Kinderplanschbecken.“

Man sollte womöglich sogar den den Entscheider:innen dieser Welt mehr Zeit in Freibädern verordnen. Warum nicht ein Gipfel unter Chlor- und Pommesduftschwaden? Nach ein paar ausgiebigen Schwimmstößen weiß man ja oft ganz von selbst, was richtig und was falsch ist. Eine erfrischende Abkühlung, die den Geist anregt, oder ein erholsames Nickerchen auf der Decke sind jederzeit möglich, und hinterher säßen sie alle auf ihren Handtüchern beisammen und würden ausgelassen miteinander lachen und endlich vernünftige Vorschläge zur Rettung des Klimas machen. Jemand hätte ein aufblasbares Lama mitgebracht, ein anderer würde sich aus Versehen auf eine zerknatschte Banane setzen.

Klar, im Freibad wird geguckt und gestaunt (aber das passiert in einer Kirche auch). Was es so alles gibt! Große Menschen, kleine Menschen, dicke Menschen, dünne Menschen, alte Menschen, junge Menschen. Freibäder waren schon immer Wimmelbilder der Body Positivity, lange, bevor es den Begriff gab. Körper in allen Größen und Formen vor grasgrünem Hintergrund: Schaut her, so vielfältig ist die Schöpfung. Wasser ist die Grundlage allen Lebens, das steht schließlich schon in der Bibel. Sonnencreme nicht vergessen!


Autorin

Anne Lemhöfer 113 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de