Leben & Alltag

High-Heels? Sind für Mädchen heute ganz normal

Wenn sich schon Zehnjährige auf „sexy“ stylen, steht dahinter auch neues Weiblichkeitsideal: Mädchen sind heute nicht mehr naiv und unbedarft, sondern auf der Suche nach einer erfolgreichen weiblichen Identität.

Linda Kagerbauer vom Frankfurter Frauenreferat hat das Projekt „Görls“ entwickelt. Foto: Petra Bruder
Linda Kagerbauer vom Frankfurter Frauenreferat hat das Projekt „Görls“ entwickelt. Foto: Petra Bruder

Eine süße Erdbeere als Gesicht, auf dem Kopf ein Stapel schwere Bücher, darunter ein weit schwingendes Kleid mit schmaler Taille, um den Hals ein Männerschlips: So sieht eine der Collagen aus, die Mädchen zwischen 10 und 15 Jahren im Rahmen des Projekts „Görl“ gestaltet haben: Ausgedacht hat es sich Linda Kagerbauer, Referentin für Mädchenpolitik am Frauenreferat der Stadt Frankfurt.

„Junge Mädchen haben heute das Gefühl, viel sein zu können, aber auch vielen Rollen gerecht werden zu müssen“, interpretierte sie die Ergebnisse ihres Projekts. Die Collagen, die zusammen mit Interviews von Vorbildfrauen als Vorlagen für einen Schulkalender 2014/2015 dienen, sind zurzeit im Evangelischen Frauenbegegnungszentrum ausgestellt.

Sie boten den Rahmen für den Vortrag „Kleine Mädchen und High Heels“ von Sarah Dangendorf, die 2012 eine Doktorarbeit unter demselben Titel vorgelegt hat. Der Kulturwissenschaftlerin war aufgefallen, dass viele Mädchen heute schon mit zehn, elf Jahren sehr „weiblich“ gestylt und erwachsen aussehen. Sie fragte sich zunächst: „Sind sie vielleicht einfach frühreif? Wird so nicht auch die Gefahr des Missbrauchs erhöht? Ist das ein Verlust an Kindheit?“

Dangendorf interviewte 35 Mädchen zwischen 9 und 14 Jahren aus unterschiedlichen Milieus. Von ihren Ergebnisse war sie selbst überrascht: Überrascht, wie informiert die Mädchen darüber sind, wie Medienbilder von Frauen entstehen, und dass die „Sexyness“ ihrer engen Kleider und hohen Absätze von den Mädchen selbst nicht mit Erotik verbunden wird, sondern einfach als „normal“ empfunden wird. „Gehört halt dazu“, wie eine Elfjährige es formulierte.

„Weibliches“ Aussehen, wie sie es aus den Medien kennen, gilt den Mädchen als Voraussetzung für Erfolg in der Clique, in der Schule und später in der Liebe und im Beruf. Gleichzeitig, so Dangendorf, hätten die Mädchen aber auch immer wieder betont, sie seien doch noch Kinder. Und sie hätten sich trotz allem als gleichberechtigt zu den Jungen empfunden.

„Die neuartigen Inszenierungen sind kein Zeichen von Sexualisierung, sondern ein Versuch, sich als ernstzunehmend zu präsentieren“, resümiert die Kulturwissenschaftlerin. „Es geht den Mädchen um den Aufbau einer erfolgreichen, weiblichen Identität.“ Sie wollten möglichst viele Rollen möglichst glamourös ausfüllen, wünschten sich einen Beruf, einen Partner, Kinder und ein Eigenheim, und sie hofften zudem auf möglichst viele tolle Erlebnisse. Ihnen sei aber durchaus bewusst, dass es dabei nicht nur auf das Aussehen ankommt. Erfolg gelte für sie, getreu den Maßstäben der Leistungsgesellschaft, als Frucht von Einsatz und Eigenverantwortung, Misserfolg als selbst verschuldet. Konservative Werte in Bezug auf Familie stünden bei ihnen wieder höher im Kurs. Natürlich würden auch handfeste ökonomische Interessen der Konsumindustrie dieses Ideal befördern.

Diese Trends stünden auch für ein neues Weiblichkeitsideal, sagte Dangendorf. Es sei zwar nahezu unmöglich , alle Rollen zu erfüllen, und die Gefahr, zu „versagen“, eine Belastung, aber das ideale Mädchen von heute sei nicht mehr naiv, schwach und unbedarft wie noch in den fünfziger Jahren. Mädchen forderten ihren Anspruch auf Teilhabe an der Gesellschaft ein, und das habe durchaus positive Aspekte.

In der anschließenden Publikumsdiskussion wurde deutlich, wie stark der normative Druck auf Mädchen auch von ihren Müttern erlebt wird. „Die Mädchen, die an meinem Projekt mitgearbeitet haben, hatten viel Lust, ihr Leben zu gestalten, aber auch Wut auf die vielen Erwartungen, die an sie gestellt werden“, sagte Linda Kagerbauer. „Als erwachsene Feministinnen müssen wir darauf drängen, dass diese Wut nicht privat bleibt, sondern im gesellschaftlichen Diskurs vorkommt.“


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Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".