Leben & Alltag

„Ich weiß, du hast angerufen, aber ich wollte nicht mit dir sprechen“

Die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche ruft auf zu "sieben Wochen ohne Lügen". Ganz wörtlich darf man das aber nicht verstehen. Denn kleine Lügen sind wie soziale Zuckerwatte: Ohne sie wird das Zusammenleben frostig. Ehrlichkeit kann nicht bedeuten, andere mit brutaler Offenheit vor den Kopf zu stoßen.

Plakat der diesjährigen Fastenaktion "Sieben Wochen ohne"
Plakat der diesjährigen Fastenaktion "Sieben Wochen ohne"

„Entschuldigung, wann kommen denn die Steaks?“ – „Ups, ich habe Sie doch glatt vergessen.“

„Lass uns mal wieder einen Kaffee zusammen trinken.“ – „Ach, ich weiß nicht. So eng sind wir doch nicht.“

„Ich habe schon mehrmals versucht, dich anzurufen.“ – „Ich weiß. Aber immer, wenn dein Name auf dem Display stand, hatte ich keine Lust, mit dir zu sprechen.“

Drei Beziehungen, die ab sofort wohl der Vergangenheit angehören. Und warum? Weil drei Menschen ehrlich waren. Ehrlichkeit ist schön. Doch sie ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich – zumindest als Dauerzustand. Die Evangelische Kirche in Deutschland will es trotzdem wissen und hat die diesjährige Fastenaktion „Mal ehrlich! 7 Wochen ohne Lügen“ genannt. Arnd Brummer, Geschäftsführer der Aktion, räumt ein, dass es eine Herausforderung werden wird.

„Wir widmen uns dem Umgang mit der Wahrheit. Nicht unbedingt so wie ein Journalist, der einmal 40 Tage lang schonungslos ehrlich war und dabei seine Kollegen beleidigte, seine Frau verprellte und seinen besten Freund verriet.“ Sondern? „Wir wollen danach suchen, was die Wahrheit eigentlich ist und wie wir sie erkennen. Wir werden versuchen, uns selbst nicht zu belügen und mit anderen ehrlich zu sein. Wir sollten auch über Wahrhaftigkeit nachdenken. Und darüber, wann man für die Wahrheit streiten muss.“ Wir leben Seite an Seite mit der Unwahrheit. Klar wissen wir, dass die Bestellung im Restaurant wohl leider durchgeflutscht ist. Das eilig gerufene „Ich hab’ Sie nicht vergessen!“ der Kellnerin nehmen wir dennoch friedfertig zur Kenntnis. Die Anzahl der Leute, mit denen wir unbedingt mal wieder ins Café gehen wollen, ist überschaubar. Die Zahl unserer Beteuerungen dagegen um ein Vielfaches höher. Auch das: eine soziale Konvention, die dafür sorgt, dass zwei Menschen einander wertschätzend verabschieden können. Wie viele Handy-Akkus sind heutzutage stundenlang leer? Das Leben ist hart. Wir brauchen ein bisschen soziale Zuckerwatte, um all unsere tausenden Interaktionen gemütlich durchzustehen.

Kleine Lügen haben mit Respekt zu tun. Große Wahrheiten aber auch. „7 Wochen ohne Lügen“ birgt viel Stoff zum Nachdenken.

„Mal ehrlich!“ – die diesjährige Fastenaktion der Evangelischen Kirche ist eine Herausforderung.

Weiterlesen: Muss man immer die Wahrheit sagen?


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Anne Lemhöfer 35 Artikel

Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de

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