Leben & Alltag

Kommunikationsprobleme: Masken machen Gebärdensprache schwierig

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Für viele sind Masken nur ein bisschen lästig, für Gehörlose erschweren sie ganz grundlegend die Kommunikation. Durchsichtige Face Shields können eine Alternative zu Gesichtsmasken sein. Dennoch ist der Alltag für gehörlose oder schwerhörige Menschen durch Corona schwieriger geworden. Von Stefanie Walter.

Gesichtsmachen helfen gegen die Ausbreitung des Coronavirus, doch die Gesichtsmimik wird dadurch größtenteil unsichtbar. Für Gehörlose ist das ein Problem. | Foto: Sharon McCutcheon/unsplash.com
Gesichtsmachen helfen gegen die Ausbreitung des Coronavirus, doch die Gesichtsmimik wird dadurch größtenteil unsichtbar. Für Gehörlose ist das ein Problem. | Foto: Sharon McCutcheon/unsplash.com

Als mit der Corona-Pandemie die Maskenpflicht kam, stand Schulleiter Manfred Drach vor einem Problem: Die Masken zum Schutz vor Viren decken einen Großteil des Gesichts ab, aber dadurch können Gehörlose nicht mehr von den Lippen ablesen. Drach ist Rektor einer Schule mit dem Förderschwerpunkt Hören in Friedberg. Wie sollten 200 gehörlosen Schülerinnen und Schüler mit Masken kommunizieren? „Gehörlose brauchen das Mundbild und die Gesichtsmimik für das Sprachverstehen“, sagt Drach.

Vielleicht wären Face Shields, durchsichtige Visiere aus Plastik, die das ganze Gesicht abdecken, eine Alternative? Der Rektor nahm Kontakt zu einer offenen Werkstatt in Gießen auf. Das gemeinnützige Bildungsprojekt „Makerspace“ reagierte in der Hochphase der Pandemie, als in Krankenhäusern und Arztpraxen Schutzmasken fehlten. „Wir haben eine Open-Source-Vorlage aus Tschechien genutzt und schnell ein System aufgebaut. Wir wollten die Lücke überbrücken“, erzählt „Makerspace“-Mitgründer Johannes Schmid.

Auf den elf eigenen 3D-Druckern und mit Unterstützung der Community aus 80 Freiwilligen druckte das „Makerspace“-Team etwa 3000 Face Shields und gaben sie an die Uniklinik oder Pflegedienste ab. Auch die Gehörlosenschule in Friedberg erhielt Masken, kostenlos. Rektor Drach ist mit den Face Shields sehr zufrieden. Er probierte sie zunächst mit älteren Schülern aus. „Auch Brillenträger sind nicht beeinträchtigt. Es gibt kein Blenden, und sie beschlagen nicht. Die Face Shields sind ästhetisch und gut für die Kommunikation.“

Doch auch wenn es für viele Probleme technische Lösungen gibt, ist die derzeitige Situation für Gehörlose oft nicht leicht. Viele seien jetzt isolierter als ohnehin schon, sagt Pfarrer Gerhard Wegner von der Evangelischen Gehörlosengemeinde Frankfurt. Es gebe zwar auch „technisch Fitte“, die Internet- und Videotelefonie nutzten. „Aber die Generation, die zur Gemeinde gehört, ist nur zum Teil technikaffin.“

Im Alltag hätten Gehörlose Probleme, wenn alle Masken tragen. Im Supermarkt klappe das Einkaufen zwar ganz gut, erklärt Wegner, der selbst schwerhörig ist. „Aber wo Kommunikation nötig ist, beim Bäcker oder Metzger, da wird es schwierig. Viele Gehörlose können sich nur mit Zettel und Stift behelfen.“

Wegner betreut rund 300 Gehörlose in Frankfurt und Umgebung. Hausbesuche macht er zurzeit keine, Treffen finden höchstens von der Haustür oder dem Balkon aus statt. Er mache aber Sterbebegleitung von Gehörlosen, betont er. Auch einen ersten Gottesdienst mit den entsprechenden Abstandsregeln bot er bereits an. „Wir haben Räume, in denen wir das machen können.“ Von 15 möglichen Teilnehmer*innen seien zwölf erschienen. „Das ist für mich ein Zeichen, dass noch Hemmungen und Ängste bestehen.“

Pfarrerin Melanie Keller-Stenzel, evangelische Beauftragte für Gehörlose und Hörgeschädigte, sieht in der Corona-Zeit auch eine Chance, in Sachen Barrierefreiheit voranzukommen. So hätten die Masken darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig barrierefreie Kommunikation ist. Wenn das Robert-Koch-Institut in seinen Presse-Briefings im Fernsehen oder in Live-Streams über die Corona-Pandemie informierte, war im Bild auch eine Gebärdendolmetscherin zu sehen, ein Fortschritt, der auf eine Forderung der Gehörlosen-Verbände zurückging.


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