Leben & Alltag

Lebensleistungen würdigen

Wenn Menschen ins Altenheim umziehen, sind sie heute im Schnitt älter und gebrechlicher als früher. Und es sind auch viel mehr Männer darunter. Altenheimseelsorger Martin Haß ist einer von denen, die sich hauptberuflich darum kümmern, dass sich alte Menschen in der neuen Lebenssituation zurechtfinden und jemanden zum Reden haben.

Martin Haß im Gespräch mit einer Bewohnerin des Johanna-Kirchner-Altenpflegezentrums. Der 48 Jahre alte Seelsorger ist einer von fünf Hauptamtlichen in der evangelischen Altenheimseelsorge in Frankfurt und Offenbach. | Foto: Rolf Oeser
Martin Haß im Gespräch mit einer Bewohnerin des Johanna-Kirchner-Altenpflegezentrums. Der 48 Jahre alte Seelsorger ist einer von fünf Hauptamtlichen in der evangelischen Altenheimseelsorge in Frankfurt und Offenbach. | Foto: Rolf Oeser

Früher war er Metzger und konnte mit Leichtigkeit ein halbes Schwein wuchten. Jetzt ist Karl Kraus (der, wie alle in diesem Artikel zitierten alten Menschen, in Wirklichkeit anders heißt) 85 Jahre alt, lebt im Pflegeheim und hat an manchen Tagen nicht einmal genug Kraft, einen Löffel zu heben. Dann packt ihn die Verzweiflung. „Einmal habe ich ihm gesagt, es ist Ordnung, wenn Männer weinen“, erzählt Martin Haß, der im Johanna Kirchner Altenhilfezentrum im Frankfurter Gutleutviertel als Seelsorger arbeitet. „Das ist für Männer seiner Generation ja nicht selbstverständlich.“

Warum bin ich so alt und so schwach? – Was soll ich denn noch hier? – Hat Gott mich verlassen? – Es sind oft existenzielle Fragen, die Haß bei seinen Besuchen im Pflegeheim gestellt werden. Dann nimmt er sich Zeit. Hört genau zu und fragt. Welchen Beruf sein Gegenüber hatte, ob es Kinder gibt oder andere nahe Angehörige. Er findet heraus, welche Lebenserfahrungen ein alter Mensch gemacht hat und was er gerne tut.

Sehr wichtig ist es dem evangelischen Gemeindepädagogen, Lebensleistungen zu würdigen und schöne Erinnerungen wachzurufen. „Ich denke zum Beispiel an eine alte Frau, die mir erzählt hat, wie sie in den 1930er Jahren ihren Führerschein gemacht hat. Wie da plötzlich ihre Augen leuchteten.“ Haß ist deshalb froh, wenn Angehörige ihm etwas über die Menschen erzählen, die er im Pflegeheim trifft. „Je mehr ich über sie weiß, desto besser kann ich helfen. Selbst Menschen, die bettlägerig und eingeschränkt sind, können meist noch irgendetwas tun, das ihnen Freude macht.“

Die intensivsten Gespräche finden oft kurz nach dem Einzug ins Heim statt. Die Menschen, die in ein Heim ziehen, sind heute im Schnitt älter und gebrechlicher als früher – es gibt heute mehr Unterstützung und Hilfen, um möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu bleiben. „Der Umzug hierher war sehr schwer für mich“, erzählt Anna Merian, 92 Jahre. Sie musste nach einem Schlaganfall ins Krankenhaus und wäre danach nicht mehr in der Lage gewesen, sich alleine zu versorgen, geschweige denn, einen Umzug zu bewältigen. Deshalb wurde sie nach der Reha sofort ins Pflegeheim verlegt, den Umzug organisierte ein Sozialdienst. „Mir hat meine Wohnung gefehlt und meine Nachbarn. Mit Herrn Haß konnte ich darüber reden. Das hat schon sehr geholfen“, erinnert sie sich.

Im Unterschied zu früher steigt inzwischen auch der Männeranteil unter den Menschen, die im Heim leben – es kommt jetzt die Generation ins hohe Alter, die selbst nicht mehr im Zweiten Weltkrieg eingezogen wurde. „Dann ist es manchmal gut, dass ich auch ein Mann bin“, sagt Haß, „mit einer Frau würden viele vielleicht nicht so offen sprechen.“ Herbert Schuster zum Beispiel. Er hatte 62 Jahre mit seiner Ehefrau zusammengelebt, vor drei Jahren ist sie gestorben. „Danach war ich wie amputiert“, sagt er. „Aber Herr Haß hat mich immer wieder besucht.“

Was genau zwischen dem Seelsorger und den Menschen im Pflegeheim besprochen wird, ist vertraulich. Das „Seelsorgegeheimnis“ verpflichtet Haß, darüber zu schweigen, was ihm erzählt wird. „Ohne diesen geschützten Raum würde manches Gespräch wohl gar nicht zustande kommen“, sagt er.

Haß hat Religionspädagogik studiert und bei einer Zusatzqualifikation zum Klinikseelsorger vor allem Gesprächsführung gelernt. Er hat zuerst im Krankenhaus gearbeitet, wollte dann aber lieber speziell für alte Menschen da sein. „Das kommt daher, dass ich ein sehr positives Verhältnis zu meinen Großeltern hatte“, sagt der 48-Jährige. „Seitdem interessiert es mich, was alte Menschen erlebt und geleistet haben.“

Aber er führt auch viele Gespräche mit Angehörigen und Pflegenden. „Ich bin zum Beispiel da, wenn erwachsene Kinder schockiert sind, weil die eigenen Eltern sie nach einer Demenzerkrankung nicht mehr erkennen“, erzählt er. „Oder wenn eine junge Pflegekraft zum ersten Mal ins Zimmer eines Verstorbenen gehen muss.“

Haß arbeitet inzwischen seit zehn Jahren im Johanna-Kirchner-Altenhilfezentrum. Das Heim wird von Arbeiterwohlfahrt (AWO) betrieben, ein kirchlicher Seelsorger ist dort aber schon seit den 1980er Jahren fest etabliert. Haß ist einer von fünf Hauptamtlichen, die im Auftrag der evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach Altenheimseelsorge machen: Sibylle Schöndorf-Bastian im Interkulturellen Altenhilfezentrum Victor-Gollancz-Haus in Höchst, Pfarrerin Silke Peters im Haus Saalburg in Bornheim, Pfarrerin Melanie Lohwasser im Heim der Henry und Emma Budge-Stiftung in Seckbach sowie Sabine Schäfer im Anni-Emmerling-Haus und im Elisabeth-Maas-Haus in Offenbach.

Aber auch zum Dienstauftrag aller Gemeindepfarrer und -pfarrerinnen gehört es, sich um alte Menschen zu kümmern. Viele halten Gottesdienste in den Alten- und Pflegeheimen ihres Gemeindebezirks und machen Besuche. In vielen Stadtteilen gibt es auch organisierte Besuchsdienste von Ehrenamtlichen aus der Kirchengemeinde.

Auch Martin Haß hat sich bewusst für einen kirchlichen Arbeitgeber entschieden. „Mein Glaube trägt mich“, sagt er. „Und dafür haben die alten Menschen feine Antennen. Sie spüren genau, ob man seinen Glauben lebt oder nicht.“ Zusammen mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer der Hoffnungsgemeinde lädt er zweimal im Monat am Freitagnachmittag zu einem Gottesdienst im Altenzentrum ein. Einmal im Monat findet dort auch eine katholische Messe statt.


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Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".

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