Leben & Alltag

Liebe über Religionsgrenzen hinweg

Nie ist das Gespräch zwischen den Religionen intimer und existenzieller, als wenn zwei Menschen einander lieben: Christlich-islamische Eheschließungen sind eine Herausforderung für Kirchen und Imame.

Wie wollen wir es halten mit der Religion? Paare mit unterschiedlichem Glauben sollten sich schon zu Beginn ihrer Ehe aktiv mit dieser Frage auseinandersetzen. Foto: MaFiFo/Fotolia.com
Wie wollen wir es halten mit der Religion? Paare mit unterschiedlichem Glauben sollten sich schon zu Beginn ihrer Ehe aktiv mit dieser Frage auseinandersetzen. Foto: MaFiFo/Fotolia.com

Als Sabine Tawonga (Name geändert) „traditionell afrikanisch und ganz bunt gekleidet“ heiratete, sprach bei der Zeremonie im Bekanntenkreis ein Imam einen Segen auf Arabisch. „Ich habe nicht wirklich viel verstanden“, erinnert sie sich, doch die guten Wünsche für eine große Familie und einen lebenslangen Bund blieben im Herzen.

„Es ist die Prüfung par Excellence für den Dialog, sich über die Religionsgrenzen hinweg zu verlieben“, sagt die Rüsselsheimer Pfarrerin Annette Mehlhorn. Sie hat im Mai ein christlich-muslimisches Paar aus Frankfurt getraut und dabei für das Trauversprechen eine Formulierung verwendet, das dem unterschiedlichen Gottesbezug im christlichen und muslimischen Glauben gerecht wird. Es stammt aus einer Handreichung, die die evangelische Kirche für solche Anlässe erarbeitet hat: Die Realität, dass Petra Azim liebt und Canan Dieter, gerät zunehmend in den Blick.

Wenn es Probleme gibt, kommt oft die Religion ins Spiel

Die meisten gemischtreligiösen Paare setzen sich mit dem Thema allerdings erst einmal nicht weiter auseinander. Für viele Menschen, egal welchen Glaubens, spielt die Religion im Alltag keine große Rolle. Manche gemischtreligiösen Paare heiraten zwar kirchlich, befassen sich aber nicht weiter mit ihren unterschiedlichen Glaubenswurzeln. Allerdings kommt die Religion oft dann doch noch ins Spiel, wenn es in der Ehe einmal Probleme gibt, sagt Ilona Klemens, Pfarrerin für interreligiösen Dialog. Sie rät Paaren deshalb, sich schon am Anfang ihrer Ehe aktiv darüber auszusprechen, „wie sie es halten wollen mit der Religion“. Denn auch, wenn sie sich vornehmen, ihren Glauben nicht zum Problem werden zu lassen, „werden die Kinder oft zum Testfall“, hat Klemens beobachtet.

„Es gibt nur einen Gott“, glaubt Sabine Tawonga ebenso wie ihr afrikanischer Ehemann, der „sehr streng nach dem Islam lebt“. Fünf Mal am Tag betet er in einem ruhigen Raum zuhause, trinkt keinen Alkohol, isst kein Schweinefleisch und fastet trotz Schichtarbeit während des Ramadan von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Sabine Tawonga, die Christin, hat das auch versucht, aber ohne Erfolg: „Ich schaffe das nicht.“

Zwischen den Eheleuten war es Gegenstand „einer leichten Diskussion“, wie die heute siebenjährige Lara und der vierjährige Banga religiös erzogen werden sollen, erzählt Sabine Tawonga. Ihr Mann hätte sich gefreut, wenn sie zum Islam konvertiert wäre und die Kinder muslimisch erzogen würden. Doch die Eltern konnten sich darauf einigen, ihren Kindern ihre jeweilige Religion „so gut wie möglich mitzugeben“.

Die Familie feiert Ostern, Weihnachten und das islamische Opferfest

Lara und Banga sind nicht getauft, gehen aber in den Kindergottesdienst. Während ihr Bruder im katholischen Kindergarten spielt, macht Lara in der Grundschule im evangelischen Religionsunterricht mit. Daheim liegen zwei Kinderbibeln, die Geschwister gehen aber auch mit Papa in die Moschee oder beten mit ihm. Ostern und Weihnachten feiert die Familie ebenso wie das islamische Opferfest. „Es geht hier sehr locker zu“, sagt Sabine Tawonga. Sie und ihr Mann hoffen, dass Lara und Banga „beide Religionen leben oder sich für eine entscheiden. Schade wäre es, wenn ihnen die Religion insgesamt zu blöd würde.“

Ilona Klemens erinnert sich noch gut an eine lebhafte Diskussion vor drei Jahren während der christlich-islamischen Woche. Beim Thema christlich-muslimische Ehe prallten konservative und liberale Positionen aufeinander. „Es heiraten ja nicht nur zwei Individuen, sondern auch die Familien, die Ängste vor Liebesentzug oder sozialer Ausgrenzung haben.“

Das Thema wird für Kirchen und Moscheegemeinden immer wichtiger

Oft sind es Christinnen, die zum Islam konvertieren, manchmal auch Christen, die ihren Frauen zuliebe Muslime werden, denn „noch gilt in der muslimischen Community die Regel, dass es muslimischen Frauen nicht erlaubt ist, einen Nicht-Muslim zu heiraten“, sagt Pfarrerin Mehlhorn. Die Konfliktsituation erinnert an die evangelisch-katholischen Ehen, die bis vor einigen Jahrzehnten noch verpönt waren. Bisher finden sich in Deutschland nur wenige Imame, mit denen eine gemeinsame liturgische Begleitung christlich-muslimischer Paare möglich ist.

Ilona Klemens kann sich für Frankfurt ein Forum vorstellen, das den interreligiösen Austausch in dieser Frage gemeinsam mit Ehepaaren pflegt. Das Thema wird Kirchen und Moscheegemeinden nämlich zunehmend beschäftigen. Auch Susanna Faust Kallenberg, Beauftragte für interreligiöse Fragen am Zentrum Ökumene in Frankfurt, erlebt eine steigende Nachfrage von Pfarrerinnen und Pfarrern, die wissen möchten, wie sie auf Anfragen für christlich-muslimische Eheschließungen reagieren können. In Punkto Ehe hat die Realität die Theorie des interreligiösen Dialoges längst überholt.


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Autorin

Susanne Schmidt-Lüer ist Pressesprecherin des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach. Sie schreibt auch als freie Autorin vor allem über Sozialpolitik, Kirche, Alter und wirtschaftspolitische Themen.