Leben & Alltag

Liebe weg, Kinder da. Wie Familien nach einer Trennung leben.

Dass Paare sich trennen, wenn die gemeinsamen Kinder noch minderjährig sind, ist keine Seltenheit. Die meisten Kinder leben danach bei der Mutter, bis heute. Aber immer mehr Paare möchten sich nach einer Trennung die Verantwortlichkeit für ihre Kinder teilen. Dabei probieren sie eine Vielzahl unterschiedlicher Möglichkeiten aus.

Für das Zusammenleben mit Kindern gibt es heute unterschiedliche Modelle. | Foto: Mick Haupt/Unsplash
Für das Zusammenleben mit Kindern gibt es heute unterschiedliche Modelle. | Foto: Mick Haupt/Unsplash

Paare trennen sich. Eltern auch. Laut Statistischem Bundesamt lag die Scheidungsquote in Deutschland 2019 bei knapp 36 Prozent. Mehr als jedes dritte Paar, das sich einst romantisch das Ja-Wort gab, landet also später vor der Scheidungsrichterin, im Durchschnitt nach 14,8 Jahren. Zwar geht die Quote seit dem Top-Scheidungsjahr 2005, als sie bei fast 52 Prozent lag, wieder zurück. Das liegt aber womöglich nur daran, dass weniger Verliebte das Standesamt oder gar den Traualtar ansteuern. Die Dunkelziffer bleibt im Spekulativen. Bekannt ist nur die Zahl der Alleinerziehenden: Für 2019 meldet die Statistik 2,2 Millionen Mütter und 407.000 Väter in Deutschland, die ihren Nachwuchs ohne zweite Person großziehen. 3,6 Millionen Kinder lebten mit nur einem Elternteil.

Hinter diesen dürren Zahlen verbirgt sich eine Vielfalt an möglichen Lebensmodellen. Die Frage, was während und nach einer Trennung der Eltern passiert, wie es nach dem Ende der romantischen Liebe mit den Kindern weitergehen soll, wird heute nämlich so vielfältig beantwortet wie noch nie. Residenzmodell, Wechselmodell, Nestmodell, Treppenmodell oder Familien-WG – ein ganzes Potpourri an Möglichkeiten steht für den Alltag trennungsgebeutelter Familien zur Verfügung:

Residenzmodell: Der Klassiker: Die Kinder werden nach der Trennung ganz überwiegend von einem Elternteil versorgt, in den meisten Fällen der Mutter.
Vorteil: Es gibt klare Zuständigkeiten und einen festen Wohnsitz für das Kind.
Nachteil: Es sind nicht beide Elternteile gleichermaßen eingebunden.

Wechselmodell: Manchmal auch Pendelmodell genannt: Die Eltern teilen sich die Betreuung der Kinder annähernd paritätisch, indem die Kinder im Wechsel bei beiden Elternteilen leben.
Vorteil: Beide Eltern sind verantwortlich.
Nachteil: Das Kind hat kein festes Zuhause, sondern lebt an zwei Standorten.

Nestmodell: Die (ehemals) gemeinsame Wohnung wird zum Familienausgangspunkt, wo die Kinder leben. Die Eltern kommen jeweils im Wechsel dazu.
Vorteil: Das Kind hat einen festen Wohnsitz und trotzdem sind beide Eltern eingebunden.
Nachteil: Man braucht drei Wohnungen.

Treppenmodell: Die Eltern haben zwei Wohnungen im selben Haus, sodass die Kinder leicht „über die Treppe“ vom einen zum anderen Elternteil pendeln können. Eine Variante davon ist das Nachbarschaftsmodell, bei dem die Eltern zwar nicht im selben Haus, aber in unmittelbarer Nachbarschaft leben.
Vorteil: Das Familienleben kann flexibler als beim Wechselmodell gestaltet werden.
Nachteil: Ist aufgrund der Wohnsituation nicht immer zu realisieren.

WG-Modell: Die Eltern leben nach ihrer Trennung weiterhin als Wohngemeinschaft in einer gemeinsamen Wohnung oder in einem Haus.
Vorteil: Die Wohnsituation der Kinder ändert sich nach der Trennung nicht.
Nachteil: Erfordert eine sehr gute Beziehung der Eltern und ist deshalb konfliktanfällig.

Vor- und Nachteile haben sie alle. „Im ersten Schritt muss eine Bestandsaufnahme her: Welche Ressourcen bringen die einzelnen Familien mit, wo liegen die konkreten Probleme, wie sind die Kommunikationsmuster?“ Christian Pauls, derzeit im Approbationsverfahren zum Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, berät Paare in schwierigen Trennungssituationen. Dabei stellt er eine deutliche Tendenz zum Wechselmodell fest. „Es erfordert die geringste Form an Kommunikation zwischen den Eltern, und beide haben jeweils eine Woche zum Durchatmen, wenn die Kinder bei dem anderen Elternteil sind.“ Das Wechselmodell ist vor allem dann eine Option, wenn die Trennung der Eltern konfliktreich verlaufen ist. Denn es erlaubt klare Absprachen und erfordert wenig gegenseitige Toleranz.

Andere Lebensformen wie die Eltern-WG oder das Nestmodell erfordern hingegen eine gute und vertrauensvolle Kooperation. „Sie setzen voraus, dass das Elternpaar eine gesunde und reife Kommunikationskultur pflegt“, sagt Paul. „Diese ehemaligen Paare kommen meist ohne Beratung ganz gut klar.“ So wie Katrin Hartmann (37) und Benedikt Schmid (35), die sich entschieden haben, gemeinsam mit ihren beiden vier und sechs Jahre alten Kindern in einem Haus zu wohnen. Sie nennen das ganz bewusst Familien-WG und nicht, wie sonst üblich, Eltern-WG: „Wir leben ja alle vier unter einem Dach. Daher finden wir die Bezeichnung Eltern-WG unpassend.“

Die Hartmann-Schmids verstehen sich nach wie vor als Familie, auch wenn die Eltern als Paar getrennt sind. Natürlich erfordert ihr Modell viele Absprachen und gegenseitiges Vertrauen. Vorwürfe, Verletzungen, Eifersucht würden ein WG-Leben schwierig machen. Im Alltag empfinden Katrin und Benedikt ihre Familien-WG aber vor allem als entlastend: „Es ist einfach praktisch. Wir müssen uns weniger absprechen und es ist unkomplizierter. Außerdem wollen wir beide viel Zeit mit den Kindern verbringen. So ersparen wir uns ein ständiges Hin und Her.“

Aus therapeutischer Sicht rät Christian Pauls allerdings zu Vorsicht, vor allem, wenn jüngere Kinder betroffen sind: „Bei der Familien-WG könnte den Kindern die Illusion vermittelt werden, dass das mit den Eltern als Paar doch nochmal was wird. Zerplatzt diese Blase irgendwann, kann das nachhaltige Folgen haben.“

Probleme könne es auch geben, wenn ein Elternteil sich wieder verliebt. Dass dann eine ganz neue Dynamik entstehen kann, ist auch Katrin Hartman und Benedikt Schmid bewusst. Ihre Lösung heißt Offenheit und Dialog. „Potenzielle Partner:innen werden in unser Familienmodell eingeweiht. Die Art, wie wir leben, gehört zu uns und muss von allen, auch möglichen neuen Partner:innen, mitgetragen werden.“

Klar ist: Trennungen sind meistens schmerzhaft, anstrengend, mühselig. Sind Kinder betroffen, ist eine beratende Begleitung sinnvoll und hilfreich. Ganz gleich für welches Modell am Ende die Entscheidung fällt – schaffen es die Erwachsenen, im Dialog miteinander zu bleiben, kann Gutes daraus entstehen. Denn dann können auch die Kinder ihren Frieden mit der Situation schließen.

Zum Weiterlesen: "Wenn Eltern etwas nur den Kindern zuliebe tun, geht das meistens schief"


Autorin

Angela Wolf 72 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte. Hauptberuflich ist als Referentin bei der LAG Soziale Brennpunkte Hessen e.V. unterwegs. Freiberuflich schreibt sie außerdem noch für ZEIT Online.

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