Leben & Alltag

Mit sechzig nochmal durchstarten: die neue Lebensphase der „jungen Alten“

Zwischen sechzig und siebzig ist ein gutes Alter, um sich nochmal neu zu orientieren. Ein Studientag der Seniorenarbeit der evangelischen Kirche in Frankfurt lotete die Möglichkeiten der „dritten Lebensphase“ aus. 

Immer mehr Menschen nutzen die "dritte Lebensphase", um noch einmal durchzustarten und als "Power Ager" neues zu erleben.  |
Immer mehr Menschen nutzen die "dritte Lebensphase", um noch einmal durchzustarten und als "Power Ager" neues zu erleben. | Bild: http://www.colourbox.de

In keiner anderen Altersgruppe hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein derart grundlegender Wandel vollzogen wie in der Generation 60 plus. Angesichts der großen Unternehmungslust spreche man inzwischen von „Power-Agern“, sagte die Theologin Cornelia Coenen-Marx bei einem Studientag zum Thema „Was trägt die jungen Alten?“, zu dem die Seniorenarbeit der evangelischen Kirche in Frankfurt ins Diakonissenhaus eingeladen hatte.

Frauen und Männer diesen Alters seien einerseits ökonomisch viel besser abgesichert als Gleichaltrige früherer Generationen. Zum anderen hätten sie statistisch rund zehn gesunde Jahre dazugewonnen. Statt sich wie früher mit Gebrechlichkeit und Vorbereitung auf den Tod zu beschäftigen, fragen sie heute: Was mache ich jetzt, wo geht es hin?

Wobei die Antworten darauf eine große Bandbreite haben. Der Religionshistoriker Joachim Süss etwa, ebenfalls Referent beim Studientag, wird im September im Alter von 57 Jahren ein Vikariat beginnen, um danach als Pfarrer tätig zu sein. Ganz anders hingegen Margot Kässmann, die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland: Sie ging gerade mit 60 Jahren schon in den Ruhestand.

Doch egal, ob man in der neuen Lebensphase beruflich nochmal durchstartet oder im Gegenteil den Beruf hinter sich lässt, um sich Dingen zu widmen, die man bisher vernachlässigt hat: „70-Jährige sind kaum weniger leistungsfähig als 50-Jährige“, betont Coenen-Marx. Kein Wunder also, dass sie im Alter oft nochmal durchstarten. Damit sind nicht nur ausgedehnte Reisen oder zeitaufwändige Hobbies gemeint. Viele Ältere engagieren sich auch, zum Beispiel als „Senior-Experten“ oder in Ehrenämtern.

Referierten beim Studientag im Diakonissenhaus über "Alter und Spiritualität": Joachim Süss und Cornelia Coenen-Marx. | Foto: Doris Stickler
Referierten beim Studientag im Diakonissenhaus über "Alter und Spiritualität": Joachim Süss und Cornelia Coenen-Marx. | Foto: Doris Stickler

Für die Gesellschaft sei das zweifellos ein Gewinn. Oft kämen dabei wertvolle Kompetenzen zum Zuge, die Jüngeren fehlen. „Vorbildfunktion hat man dazu früher gesagt“, Coenen-Marx. Die Autorin des Buches „Gott schickt nicht in Rente“ will dazu ermutigen, diese dritte Lebensphase zu nutzen, denn sie „bietet die Chance, zu neuen Ufern aufzubrechen und vernachlässigten Interessen nachzugehen“. Die heute 66 Jahre alte Gründungs-Mitherausgeberin des Magazins „Chrismon“ weiß, wovon sie spricht: Vor drei Jahren hing sie selbst ihren wohlsituierten Beruf an den Nagel und wechselte in die Freiberuflichkeit. Seither unterstützt sie Organisationen und Gemeinden bei der Verwirklichung einer neuen Sorgeethik und arbeitet mit dem Heidelberger Institut für Gerontologie am Thema „Hochaltrige und ihre Kirche“.

„Das Alter ist eine Lebensphase, in der der Sinn des Lebens erkennbar und einsichtig werden kann“, sagt Coenen-Marx. Manche würden dann auch die Kirche neu entdecken, „als Ort, an dem man sich austauschen und Masken ablegen kann, an dem man sich in einer Gemeinschaft von Unperfekten befindet“. Da sich auch der Glaube im Lauf des Lebens verändert, bietet sich für die Theologin das Alter geradezu an, ihm „einen neuen Rahmen zu geben“.

Spiritualität stuft sie hierbei als „eine Art Entwicklungshelfer“ ein. Spiritualität mache es leichter, „Ruhe und Gelassenheit zu finden und sich von Gefühlen wie Neid, Hass und Wut zu befreien“. Die Kirche solle sich als Ort verstehen, wo Menschen, die solche Erfahrungen machen, Raum finden, schlägt Cornelia Coenen-Marx. Eine solche Öffnung könnte eine Chance sein, da viele Frauen und Männer der Generation 60 plus ihren spirituellen Aufbruch nicht mehr mit Kirche verknüpfen. Dies sei schade, findet Coenen-Marx, zumal sich „der Weg in die neue Altersphase im Gehen bildet und es keine Vorbilder gibt“.

Für Joachim Süss, der bei dem Studientag im Diakonissenhaus „Geschichte und Profil der ersten Nachkriegsgeneration“ beleuchtete, sind gegensätzliche Erfahrungen charakteristisch für diese Generation. Die „Kinder von NS-Soldaten und Mutterkreuzmüttern“ hätten Kriegserinnerung und Friedensbewegung, Entbehrung und Aufschwung, den Ost-West-Konflikt, die Prüderie der 50er Jahre und die 68er-Bewegung gleichermaßen miterlebt. Eine Ballung an Gegensätzen, die sich auch in vielen Biografien niederschlage.


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Doris Stickler 46 Artikel

Doris Stickler ist freie Journalistin in Frankfurt.

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