Leben & Alltag

Philosophie in der Straßenbahn

Beim Straßenbahnfahren auch mal vom Smartphone aufzublicken: Das kann sich lohnen, wie unsere Kolumnistin erlebt hat. Erst recht in der Linie 11, wo man zwischen Fechenheim und Höchst den unterschiedlichsten Menschen begegnen kann. Protokoll eines unverhofften Gesprächs mit dem Sitznachbarn.

Die 11 ist eine der interessantesten Straßenbahnlinien Frankfurts. Einfach mal vom Smartphone aufblicken, kann sich lohnen. | Foto: Antje Schrupp
Die 11 ist eine der interessantesten Straßenbahnlinien Frankfurts. Einfach mal vom Smartphone aufblicken, kann sich lohnen. | Foto: Antje Schrupp

Routinemäßig in die 11 einsteigend, nehme ich auf den Klappsitzen gleich links Platz. Wie immer dabei: meine Hündin Paula. Und – natürlich – das Smartphone. Kaum sitzend zücke ich das Gerät auch schon: Facebook-Timeline, WhatsApp-Messages, Insta-News, Rundschau-App. Gerne nutze ich die Zeit in der Bahn für dieses morgendliche Ritual.

Dann aber doch mal aufblickend fällt mir der offensichtlich optisch vom Bahnnutzermedian abweichende Mann neben mir auf. Sein Gesicht sieht müde aus, denke ich. Er könnte obdachlos sein, denke ich weiter. Aber da: die Falten, winzig klein um seine Augen, verraten ein Lächeln. Das erwidere ich natürlich prompt. Wir kommen ins Gespräch.

Wie süß doch mein Hund sei. Hunde überhaupt. Und so treue Begleiter. Er hatte auch mal einen. Lange her. Der, ein Rüde, mittlerweile gestorben, war sein wahrer und einziger Freund. Futter und Tierarzt allerdings nicht immer einfach zu stemmen. Meine Vermutung bestätigt sich: Mein Klappsitznachbar lebt auf der Straße. Lange schon. Durch eine Beziehungskrise aus der Bahn geworfen. Alkohol, Drogen. Der Rest ist Geschichte.

Das Gespräch ist angenehm, sehr sogar. Wir quatschen wie alte Freunde. Ohne verbale Berührungsängste. Meine Facebook-Timeline ist längst in Vergessenheit geraten. Das analoge Leben offenbart sich in voller Pracht. Wieder zurück bei des Menschen bestem Freund, dem Hund, und einer jeden Vierbeiners Einzigartigkeit, fällt dann ein Satz, der mich fast vom Sitz haut: „Wir werden alle als Individuen geboren und sterben irgendwann als Kopie!“ – Wahnsinn.

Dieser Mann ist Philosoph, denke ich. Ich starre ihn an. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Tatsächlich sind es aber nur Sekunden. Dann wieder diese Falten um die Augen. Meine Schlagfertigkeit ist offenbar an der letzten Haltestelle ausgestiegen. Ich kann nichts erwidern. Aber das ist gut so. Seine Aussage ist vollkommen. Ihr ist nichts hinzuzufügen.

Ich steige aus. Noch immer ergriffen von den Worten des Fremden fällt mir lediglich das ein: You made my day!


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Autorin

Angela Wolf 59 Artikel

Angela Wolf ist Mitglied der Redaktion von Evangelisches Frankfurt und Offenbach. Sie wurde 1978 in Aschaffenburg geboren. Heute lebt sie in Frankfurt am Main, wo sie Soziologie, Politikwissenschaften und Psychoanalyse studierte. Hauptberuflich ist als Referentin bei der LAG Soziale Brennpunkte Hessen e.V. unterwegs. Freiberuflich schreibt sie außerdem noch für ZEIT Online.

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